Auch wenns jetzt in meinem Beitrag etwas allgemeiner wird; aber das Problem scheint mir hier ein Dilemma zu sein dem auch viele Architekten gegenüberstehen.
Nja, das "Problem" ist ja heutzutage, dass alles möglich ist und nahezu alles (oder sagen wir mal: eine unfassbare Vielfalt) von Formen und Gestaltungsmöglichkeiten vorhanden sind.
Der ordinäre Mensch der in Architektur lebt, aber sie nicht macht (oder darüber fachkundig urteilt) betrachtet es ja von einfachen nachvollziehbaren
Standpunkt aus: soll natürlich gut funktionieren und schön aussehen.
"Und die Architektur früher war durch Stuck und Ornament eben schön".
Für Architekten ist das aber nicht so einfach. Es gibt einen Druck, nicht das machen zu dürfen was bereits hinreichend oft gemacht wurde. Der Zwang zur Innovation ist unheimlich.
Mit dem Start der Moderne waren aber die Klassischen Formen hinreichend ausgereizt. Man vergisst heute ja gerne, dass die gesamte Stadt Berlin (mehrere hundert km² und hunderttausende Gebäude) alle in diesen Stilen gebaut waren. Da ist die Reaktion der modernistischen Architekten doch nur
all zu verständlich gewesen, sich erstmal total dagegen zu wenden und komplett andere Präferenzen zu setzen.
Alle auswüchse der Moderne, die sich grob gesagt gegen "Chic" und für Pragmatismus eingesetzt haben, spiegeln diesen Versuch wieder.
Nun ist nach 50 Jahren eben auch diese Richtung der ich nenns mal abstrahierten Pragmatischen modernen Architektur ausgereizt und die Leute
fordern wieder mehr Chic.
Und jetzt gibts ja das Dilemma der Architekten die sich darauf einlassen wollen und die anerkennen, dass nicht überall Hypermoderne Glas-Blob-Architektur (oder was auch immer) stehen darf, sondern auch gediegene Gebäude die mehr dem Ästetischen Bedürfnis der meisten Menschen zusagen.
Auch diese Architekten dürfen ja nicht einfach die Stile des 19. Jh nachbauen.
Es wiederspricht jedem Selbstverständnis, sowas einfach von der Stange zu reproduzieren (es sei denn natürlich es handelt sich in der tat um eine Rekonstruktion), andererseits ist es immer schwerer grundlegend neue, ansprechende Formensprachen zu finden, da bereits so viel unterschiedliche Stile existieren (die möglichen Arten sind seit dem 19. Jh ja förmlich explodiert).
Ich finde in Berlin entwickelt sich das Repertoire der Architektur ganz gut.
Im Gegensatz zu vielen anderen Städten dieser Welt denken die meisten
nicht nur intensiv darüber nach was gebaut werden kann, sondern auch was gebaut werden sollte.
Möglich ist schließlich fast alles, aber das heißt nicht dass man auch alles machen darf und sollte. (insofern befürworte ich auch den sich rauskristalisierenden Stil dieses neuen Berliner Stils durchaus - auch wenn nicht alle Gebäude was besonderes sind oder gut aussehen).
Um auf dieses Beispiel der beidseitigen riegelförmigen Einfassung des Marx-Engels-Forums zurückzukommen: städtebaulich finde ich diese Einfassung sehr gut. Das direkte Umfeld des Fernsehturmes erfordert größere Gesten und keine wegduckende Kleinteiligkeit. Oder anders formuliert: hier ist eine Stelle der Stadt wo sich nicht zu sehr auf den Rest der Stadt bezogen werden sollte, sondern es ist eine Stelle auf die sich der Rest zu beziehen hat.
Die individuelle Gestaltung der Gebäude ist natürlich nicht der Knüller. Aber es wurde ja versucht keine all zu blanken und toten Kästen dort zu haben.
Von mir aus kann man die Dinger auch abreißen oder die Fassaden deutlich umgestalten (letzteres sollte man sogar tun ^^), aber sollte man dort mal was neubauen, sollten dies keine kleinteiligen 22m Kästen werden, die es sonst auch überall gibt.