Dass nun ausgerechnet der ÖPNV Muffel Großbritannien hier positiv zu werten wäre, ist meines Erachtens auch dem dortigen massiven Investitionsstau geschuldet. Ich kenne kein Land in Westeuropa, welches ein so altes Schienennetz betreibt bzw. welches meistens von privaten Unternehmen betrieben wird. Dort kauft der Staat zwar langsam Strecken zurück wie z.B. von London nach Birmingham und in die Midlands. Außerdem wird das völlig veraltete und nahe am Kollaps gebaute System in London zur Zeit stark erneuert. Aber das Land hat mindestens zwei Jahrzehnte im Vergleich zu seinen Nachbarn verpasst. Großbritannien galt auch lange als Musterbeispiel der Privatisierung der Bahn in Deutschland. Die sehr schlechten Erfahrungen dort, ließen die Diskussion hier aber verstummen. Zurecht,wie ich meine.
Hat zwar eigentlich nur sehr wenig mit dem eigentlichen Thema zu tun, aber die obigen Aussagen haben ungefähr denselben Wahrheitsgehalt wie dass es in England nur regnet oder das Essen nicht schmeckt. Daher wollte ich sie nicht so unkommentiert stehen lassen, wobei ich es hier bei den Fakten belassen möchte und die reißerische Wortwahl einmal ausklammere.
Verbreiten von Halbwissen klappt meistens dort gut wo man wenige Leser erwartet die es besser wissen, ein Restrisiko bleibt aber immer 
Zum ersten ist das Netz bereits seit 2002 (wieder) in staatlicher Hand, der Staat kauft da gar nichts zurück denn Railtrack war seiner Zeit pleite. Privat sind dort nur die Verkehrsunternehmen welche die Zugleistungen erbringen. Das ist in Deutschland übrigens größtenteils nicht anders. Dazu hat man die Direktiven des vierten Eisenbahnpakets der EU (z.B. strikte Trennung von Netz und Betrieb) im Gegensatz zu vielen anderen inklusive Deutschland wesentlich konsequenter umgesetzt. Die DB mogelt sich da mit Taschenspielertricks drum herum.
Die Erfahrungen der Privatisierung in GB muss man differenziert sehen. Richtig ist zunächst einmal, dass die Eisenbahn in Großbritannien in den letzten zwanzig Jahren eine wahnsinnige Renaissance erfahren hat. Das Verkehrsangebot wurde massiv ausgebaut, die Flotte wurde kontinuierlich modernisiert, es wurde stark ins Netz investiert und die Fahrgastzahlen sind um ein vielfaches gestiegen, in manchen Gegenden 5% jährlich über mehrere Jahre hinweg(!) - davon träumt man nachts am Potsdamer Platz. Das Fahrplanangebot ist traditionell dichter als in Deutschland und dieser Vorsprung hat sich tendenziell eher noch verstärkt. In vielen Bereichen des Netzes ist der Halbstundentakt die Norm! In Deutschland werden jedes Jahr Strecken eingestellt, in Großbritannien werden Strecken reaktiviert.
Die Bahn im UK ist über die letzten Jahre gesehen die sicherste in Europa - das war freilich nicht immer so. Dazu gab es im letzten Jahr keinen einzigen tödlichen Arbeitsunfall, was in dem Sektor gewiss nicht selbstverständlich ist.
Es gibt auch einige Bereiche wo es nicht so läuft. Der auferlegte Plan der Regierung zum Ausbau der Infrastruktur war zu ambitioniert und konnte nicht im Zeit-und Kostenrahmen umgesetzt werden (wer kennt es nicht). Dadurch kamen einige Franchises in finanzielle Schwierigkeiten weil sie die geplanten Mehrverkehre nicht anbieten und somit die vertraglich vereinbarten Gewinne nicht an den Staat abführen konnten. Das kostet Geld - viel Geld. Infolgedessen ist die Regierung etwas vorsichtiger geworden was die Vielzahl von großen Investitionen angeht (der Brexit hilft da erst einmal auch nicht), zudem hat sich das Fahrgastwachstum etwas verlangsamt. Trotzdem werden in den nächsten Jahren eine Vielzahl neuer Großprojekte ans Netz gehen (Crossrail, Thameslink) und mit High Speed 2 packt man auch gerade das wohl teuerste HGV-Projekt Europas an.
Richtig ist aber auch, dass sich die Fahrkarten seit der Privatisierung um ein Vielfaches verteuert haben. Über Jahre hinweg wurden die Preise um die Inflationsrate+1% angehoben. Das hat dazu geführt, dass manche Pendler jährlich fünfstellige Summen ausgeben um zur Arbeit zu fahren, und das nur für die eine Strecke denn eine Bahncard 100 gibt es nicht.
Trotzdem sind insbesondere auf kurzen Strecken die Preise mit Deutschland zumindest vergleichbar wenn nicht günstiger, dazu gibt es vergleichbare Sparpreisangebote.
Statistiken zum Alter des Schienennetzes habe ich leider nicht zur Hand, wäre aber sehr interessiert. Das "Alter" an sich gibt es ohnehin nicht, es sei denn man nimmt es wörtlich und dann hätte GB in der tat das höchste, denn die haben die Eisenbahn erfunden und als erste ein Netz aufgebaut. Wenn es darum geht wie "modern" ein Netz ist muss man zunächst einmal zwischen Gleisen, Signalen, Elektrifizierung, Inginieurbauwerken, Unterbau und sicher vielen anderen differenzieren, das ist gar nicht so einfach. Und dann ist ja der eigentlich entscheidende Faktor nicht das Alter an sich, sondern die Störungshäufigkeit.
Die Bahn ist übrigens mit dem Arriva-Konzern und auch über die DB Cargo selbst sehr stark engagiert. Der größte Auftrag der Geschichte von Siemens kam aus GB und wahr wohl so lukrativ dass man dort jetzt trotz Brexit anderen Herstellern (Hitachi, CAF) folgt und vor Ort ein komplett neues Werk baut. So schlecht können die Erfahrungen also wahrlich nicht sein.