Hallo markus1234
Ich würde mir für manche Stadt mehr „Legosteine“ wünschen...natürlich muss die Qualität stimmen, dahingehend stimme ich zu, denn Abklatsch a la „Fisher Price“ ist eben nicht Lego.
Habe aber auch nichts gegen den „Stabilbaukasten“ Eiffelturm.
Wie passt das zusammen ? Nun, der Eiffelturm steht in Paris am Marsfeld, dort ist er als Monument trefflich gesetzt, auch wenn er zu seiner Zeit erheblichen Widerstand ausgelöst hat. Er ist nicht ins historische Zentrum in eine enge Baulücke gesetzt worden, hat auch kein historisches Gebäude ersetzt oder verunstaltet.
Ich habe ja auch z.B. nichts gegen das Ungers-Hochhaus am Frankfurter Messegelände einzuwenden. Städtebaulich: Stell Dir ein Bettlaken vor, dessen Endpunkte mit senkrecht gestellten Bauklötzen festgesteckt werden, wie um es zu spannen. Hervorragender Städtebau im Besten Sinne!
Im Fall des Chrysler-Buildings liegt der Fall etwas anders: Die amerikanische Stadt unterscheidet sich von der europäischen Stadt in ganz erheblichem Masse. Dort gibt es keine historisch gewachsene Struktur, sondern es liegt dem Stadtgrundriß ein abstraktes Raster von regelmäßigen Parzellen zugrunde, innerhalb deren Grenzen die Eigentümer (limitiert durch strikte „Zoning“-Regeln) sich trotz gleicher Nutzung nach Kräften versuchen zu behaupten. In der europäischen Stadt exponieren sich Gebäude mit „übergeordneten“ oder besonderen Funktionen wie Kirchen, Triumpfbögen, Stadttore, und „Eiffeltürme“.
Beide Beispiele sind daher nicht zu vergleichen mit „Bauen im Bestand in dekonstruktivistischer Manier“.
Du wirst sicher Beispiele finden, die für Deine Argumente stichhaltiger sind, ich will Dir auch nicht ausweichen:
Deine Auslegung der Definition von „Avantgarde“ ist einfach eine andere. Zitat: sondern er geht in seinen Entwürfen mit jedem bleistiftstrich voran (avantgarde) ,auch auf die gefahr hin ,daß seine architektur nicht zur Jeder Zeit "in" sein wird...
Auch Architekten die nach Deiner Auffassung nicht zur Avantgarde gehören, sondern nur „Legosteine setzen“ gehen mit ihren Bleistiftstrichen „voran“. Vielleicht nur etwas subtiler. Genau anders herum, nehmen sie nämlich in Kauf, daß sie in Deinen Augen langweilig und zu keiner Zeit oder sogar niemals „in“ sind. Die wahre Qualität ihrer Entscheidungen wird erst in Zukunft spürbar und Gewissheit, wenn das Projekt „Stadt“ durch viele qualitätvolle Legosteine ein Stück voran gekommen ist. Kannst Du Dir Barcelona oder Mailand ohne seine durchgängige Blockstruktur vorstellen ? Natürlich darf dort hier und da mal ein Turm hervorschauen, ich erkläre bestimmt nicht die Sagrada Familia oder den Kölner Dom zur „toten Avantgarde“.
Messen wir Ungers viel kritisierte Quadrate an Deinen Worten: Meinst Du im Ernst, der „Lego“-Mann hätte keine „Ideen“ und würde nur weil er keinen Mut hat „feige Sicherheitsarchitektur“ bevorzugen ? Nein ! Er hat nur bestimmte Entscheidungen getroffen, unter anderem die, daß Ideen sich nicht darin äussern, das man sie an jeder Ecke in Form von verschnittenen Baukörpern und schräg gestellten Stützen heraushängen läßt.
Generell sollten Architekten an der gemeinsamen „Übereinkunft Stadt“ mitarbeiten, zum Beispiel Berlin braucht eher eine Mailänder „Galleria Vittorio Emmanuele“ als ein Sony-Center. Die meisten geschundenen deutschen Städte benötigen zunächst ein „Weiterbauen“, bevor Architekten wieder über „Solitäre“ und „städtebauliche Gesten“ nachdenken.
Ausserdem erscheint der Dekonstruktivismus nicht nur in seiner theoretischen Herleitung verkrampft und gezwungen: Der Versuch, um jeden Preis das Rad neu zu erfinden obwohl es niemand braucht macht noch keine Avantgarde. Wenn man „voran geht“, kommt man irgendwo her und geht irgendwo hin, reine Rotation oder Zersplitterung auf der Stelle halte ich eben nicht für dauerhaft lebendig. „Mal gucken was wir alles tolles machen können, fahren wir die Karre doch heute einfach mal vorn Baum“
Gebäude bestehen für eine sehr lange Zeit, in der sie unser Stadtbild bestimmen und damit auch unser Zusammenleben. Ein Handy zum Beispiel kaufen die meisten Leute alle 2 Jahre neu und müssen mit Neuigkeiten um jeden Preis zum Kauf gelockt werden. Über veraltete Modelle macht man sich in Anbetracht der x-ten Modellgeneration dann gerne lustig oder gräbt sie sogar als „Old-Scool“ wieder aus. Bitte gerne, ein prima Betätigungsfeld für kurzatmige und kurzsichtige „kreative“ Avantgardisten. Aber : Finger weg von meiner Stadt ! Sie ist keine Kirmes...
Den angeführten Morgenpostartikel möchte ich in diesem Sinne unkommentiert lassen, er bezieht „Avantgarde“ allgemein mit ein in seine allzu dünne Kritik und verlangt eigentlich „Kirmes statt Barcelona“
Versöhnliche Grüße
Andreas