Abrisswelle in Halle/Saale
Roland
Sicher sind Leerstände und Abrisse komplexe Probleme, die vielfältige Ursachen haben. Allerdings bin ich schon der Meinung, dass die hallesche Lokalpolitik einen großen Anteil an der ganzen Misere hat.
Ich kenne ja auch die Verhältnisse in anderen Städten, wie in Berlin, in Potsdam, in Jena oder in Leipzig, und ich habe nirgendwo solch ein Ausmaß an Verfall gefunden wie in Halle. Natürlich hatten all die Städte ihre Nachwendekrisen, Potsdam schrumpfte beispielsweise von 143000 Einwohnern im Jahr 1989 auf 128000 Einwohner im Jahr 2001. Auch hier gab es Leerstände. Doch die Potsdamer Stadtverwaltung hat sich mit der Krise nicht abgefunden und auch kein Abrissprogramm gestartet, sondern überlegt, wie sie neue Einwohner anwerben kann. Heute zählt Potsdam 155000 Einwohner (gut, davon sind 10000 durch Eingemeindungen hinzugekommen), für 2020 werden 167000 bis 172000 Einwohner erwartet. Leerstandsprobleme und Abrisse sind hier überhaupt kein Thema, dagegen herrscht mittlerweile ein Wohnungsmangel. Ähnlich ist die Lage in Berlin oder Jena. In Berlin gab es von 2003 - 2008 Abrisse, mittlerweile werden diese Abrisse schon wieder bereut, weil die Wohnungen auch hier langsam knapp werden. In Jena gab es von 2002 - 2005 Abrisse, auch diese werden mittlerweile bereut, weil hier heute ein Mangel an preiswerten Wohnungen herrscht.
In Halle ist von solchen Erfolgsgeschichten überhaupt nichts zu merken. Wenn man die Verantwortlichen in Halle, wie den Leiter des Stadtplanungsamtes Jochem Lunebach reden hört, dann hört man immer nur, dass man an der Krise nichts ändern könne und dass man die Leerstände einzig durch Abrisse beseitigen könne. Die Krise wird in Halle als etwas Naturgegebenes betrachtet, das nicht verändert werden kann und auf das man nur mit Abrissen reagieren kann. Diese Einstellung geht an den realen Potenzialen der Stadt völlig vorbei. Halle verfügt über eine beneidenswerte Verkehrsanbindung durch die Bahn, die Autobahn, den Flughafen und die Saale. Halle besitzt eine große Universität, eine Kunsthochschule und den zweitgrößten Technologiepark Ostdeutschlands (nach Berlin - Adlershof), dazu gibt es ein reiches Kulturleben und die Nähe zu Leipzig. Halle könnte die gleichen Erfolge wie Potsdam oder Jena erzielen. Doch aus dem Stadtplanungsamt hört man immer nur die gleichen Rezepte: Abriss, Abriss und noch mehr Abriss. Und diese Abrisse sollen nach Aussage von Jochem Lunebach nicht dazu dienen, die Stadt attraktiver zu machen, sondern das Mietniveau hoch zu halten. Ich finde diese Herangehensweise vollkommen fantasielos.
Auch Glaucha halte ich nicht für eine Erfolgsgeschichte. Zu Glaucha muss man sagen, dass dieser Stadtteil erstens in den 80er Jahren komplett saniert wurde (Angeblich sollen dort die DDR-Spitzenpolitiker Horst Sindermann und Margot Honecker mal gewohnt haben.) und zweitens baukulturell von eher untergeordneter Bedeutung ist. In Glaucha gab es deshalb gar keinen großen Sanierungsbedarf. Daher halte ich es für einen Schildbürgerstreich, dass ausgerechnet Glaucha mit reichen Fördermitteln beschenkt wird, obwohl doch beispielsweise die Altstadt baukulturell viel wertvoller und zudem von seinem baulichen Zustand her deutlich prekärer als Glaucha ist. Wenn man den Eigentümermoderator Herrn Lindemann in die Altstadt geschickt hätte, damit er wertvolle Baudenkmäler wie die Schulstraße 11 oder die Kleine Steinstraße 3 rettet, dann hätte ich das verstanden. Aber Glaucha? Angesichts dieser Fakten halte ich den "Glaucha-Effekt" für einen teuer bezahlten Etikettenschwindel.