Geschichte und Entwicklung der Mathildenhöhe
Die Siedlung Mathildenhöhe ist als Künstlerkolonie am Rande der Residenzstadt Darmstadt um die vorletzte Jahrhundertwende entstanden. Sie gilt als das schönste Jugendstilensemble in Deutschland und war ein Impulsgeber für die Kunst, insbesondere für die Architektur des frühen 20. Jahrhunderts. Initiator und Mäzen der in eine Parklandschaft eingebetteten Mathildenhöhe war der kunstsinnige Großherzog Ernst Ludwig. Die Vision des Landesherren war es, internationale Künstler an einen Ort zu berufen, an dem sie frei von materiellen Zwängen die Kunst mit einer Rückbesinnung auf das Handwerk reformierten. Diese sollte eine tragende Rolle spielen bei der nachhaltigen Förderung des Wohlstands in Hessen. Heute ist die Mathildenhöhe als bauliches Zeugnis für den Aufbruch in die Moderne ein UNESCO-Weltkulturerbe.
Der Jugendstil als Reformbewegung
Der Jugendstil ist in Europa unter vielen Bezeichnungen bekannt: Art Nouveau, Modern Style, Secessionsstil und andere regionale Bezeichnungen. Kaum eine andere Kunstepoche ist mit so vielen Missverständnissen und Fehldeutungen behaftet wie dieser kurze Zeitraum von rund 20 Jahren um den Beginn des 20. Jahrhunderts. Zunächst ist festzuhalten, dass es sich beim Jugendstil weniger um einen Architekturstil als vielmehr um einen ganzheitlichen Ansatz in der Kunst handelt. Einige Wurzeln lagen in der Arts-and-Crafts-Bewegung in Großbritannien. Wichtige europäische Zentren des Jugendstils bzw. des Art Nouveau waren neben Darmstadt primär Wien (Wiener Secession), München, Brüssel, Paris, Nancy, Barcelona und Prag, wobei Strömungen und Ausprägungen teilweise heterogen waren. Bereits an dieser illustren Auswahl lässt sich erkennen, in welcher kunst- und architekturgeschichtlichen Liga das kleine Darmstadt mitspielen durfte.
Trotz seines gelegentlichen Ornamentreichtums verstand sich der Jugendstil als Reformstil, der als Gegenbewegung junger Künstler und Kunsthandwerker zum rückwärtsgewandten Historismus und Eklektizismus zu verstehen ist. Er richtete sich aber auch gegen die Massenproduktion der Industrialisierung und strebte eine grundlegende Reform von Kunst, Architektur, Handwerk und Alltagskultur an. Damit einher gingen soziale und kulturelle Wandlungen bei neuen Wohnformen, neuen Rollenbildern, der Reformpädagogik oder der Körperkultur.
Ästhetische Prinzipien sollten bis zum Essgeschirr und dem Besteck in den Alltag integriert werden. Ein typisches Jugendstilhaus war mit Fassade, Möbeln, Beleuchtung, Textilien und Dekor aus einer Hand als Gesamtkunstwerk zu konzipieren. Die Einheit von Kunst und Leben und handwerkliche Qualität statt Massenware waren die Leitlinien. Ornamental kamen geometrische Formen, organische Linien, Pflanzen und Naturformen sowie symbolistische Motive zum Einsatz. Klare Linien, konstruktives Denken und Funktionalität waren dabei Wegbereiter für die Moderne.
Detaillierte Beschreibung: https://www.zeilenabstand.net/…hildenhoehe-in-darmstadt/
Galerie

Die Mathildenhöhe in Darmstadt mit der Russischen Kapelle und dem Hochzeitsturm

Portal am Ernst Ludwig-Haus von Ludwig Habich

Typische Jugendstilformen: Portal des Großen Hauses Glückert auf der Mathildenhöhe

Russische Kapelle und Schwanentempel (links)

Haus Behrens