Hallo Le Mon. hist.
Die Zahlen entstammen dem Buch Daten und Fakten zur Leipziger Stadtgeschichte (Universitätsbuchverlag), die sich wiederum auf die Statistischen Jahrbücher Leipzigs aus der jeweiligen Zeit beziehen. Diese sind auch in der Bibliothek des Stadtgeschichtlichen Museums zu finden – in der Zwischenkriegszeit fehlen allerdings einige Jahrgänge. Die Kaiserzeit ist ausgesprochen akribisch dokumentiert, nicht nur was die Einwohnerzahlen angeht, auch Bautätigkeit, Elektrifizierung, KFZ-Dichte, selbst der Milchverbrauch wurden aufgeschlüsselt. Besonders akribisch wurde der Leerstand erfasst.
Allerdings wurden die Wohnungsgrößen nicht nach m² bemessen, sondern nach der Raumzahl, was auch den damaligen Vermietungsmodalitäten entsprach. Hier mal die Statistik fürs Jahr 1914, so das weder der I. Weltkrieg noch die Eingemeindung von Schönefeld und Mockau hineinspielen. Anders als ich zuvor gepostet habe, wird die Küche ebenfalls als Raum aufgeführt:
1Raum 2 3 4 5 6 7 8 9 10 (+) gesamt
1679 2448 23823 61992 31223 14300 7001 3709 1993 3454 151.622
1,11% 1,61% 15,71% 40,89% 20,59% 9,43% 4,62% 2,45% 1,31% 2,28%
Bei 625.000 ergeben sich durchschnittlich 4,12 Personen (Kinder inklusive) und 4,66 Räume pro Wohnung.
Generell ist das Thema natürlich sehr viel komplexer und die Verteilung in der Realität eine andere gewesen, inklusive der von dir genannten negativen Beispiele. Allerdings lassen sich in Städten mit angespanntem Mietmarkt auch heute noch interessante Mietangebote finden. Schlafgänger gab es in Leipzig tatsächlich sehr viele, wenngleich – ohne das ich jetzt Zahlen präsentieren kann, deren Zahl kontinuierlich sank. Gleiches galt im frühen 20. Jahhundert für die Geburtenrate in den Großstädten. Für Leipzig stellte sich dies so dar:
Jahr Einwohnerzahl Geburten Geburtenrate
1875 127.000 4317 34,0
1900 456.000 15485 34,0
1914 625.000 12816 20,5
1930 718.000 9476 13,2
2014 550.000 6241 11,4
Im Gegensatz zu anderen Städten war die Zahl der Wohnungen im vorgründerzeitlichen Segment (Naundörchen, Gerber,- Matthäiviertel, Seedorfstraße, Johannisgasse) nur noch recht spärlich vorhanden und kann für die Gesamtwohnfläche der Stadt meiner Meinung nach vernachlässigt werden. Insbesondere weil dies durch Gegenden, in denen Villen errichtet wurden (die nicht selten mehr als 400m² umfassten) mehr als ausgeglichen wurde. Auch glaube ich nicht das 60-70m² als Durchschnittswert für einen normalen Gründerzeitler ausreichen, zumindest nicht bei zweizügig errichteten Bauten.
Ohnehin kann ich mir nicht vorstellen, wie es zu einer Beinaheverdopplung des Wohnraums gekommen sein soll. Sicher sind einige neue Gebäude an Stellen entstanden an denen zuvor keine standen, auch einige höhere Wohngebäude sind auf dem Gebiet von 1930 entstanden, Dachgeschosse ausgebaut bzw. einst anders genutzte Gebäude fürs Wohnen umgenutzt worden. Andererseits existieren noch immer zahlreiche Lücken in der Stadt und ehemalige Wohngebäude werden heute gewerblich genutzt. Meiner Meinung nach dürfte der damals zur Verfügung stehende Wohnraum in den Stadtgrenzen von 1930 nur unwesentlich kleiner sein, als der heutige.