Wie und was auch immer in den vergangenen Jahrhunderten gebaut, abgerissen oder überformt wurde, der Neue Markt blieb immer der Neue Markt. Er war das unbebaute Forum der Berliner Altstadt an der Marienkirche. Das scheinen viele gern zu ignorieren. Erst in der Nachkriegs-Diktatur wurde er entfernt und mit einer reichlichen Portion geschichtlicher Ignoranz überbetoniert und ins Staatsforum integriert, und somit unkenntlich gemacht. Lege ich die weit über 700 Jahre der Existenz des Neuen Marktes in die Waagschale, dürfte ihr Gewicht das kommunistische Experiment zur unbedeutenden Größe schrumpfen lassen. Diese Experimente sind in der Tat definierte Stadträume, wie richtig angemerkt wurde. Da pflichte ich bei. Und die Definition lautet: 'Brache'.
Genau wie es das Nikolaiviertel über Jahrzehnte nach der Enttrümmerung war: Eine Brache. Mehrheitlich dürfte die Errichtung des Nikolaiviertel heute bejaht werden, davon gehe ich mal aus. Etwas höher wurde die Geschäfts-Monokultur des Nikolaiviertels kritisiert - der Schreiber fand dennoch das Nikolaiviertel anziehend. Weil sein Zahnarzt dort ist. Aha, sage ich, eine Stadt scheint sich wohl doch nicht nur durch die Verkaufskultur zu definieren. Ohne das Nikolaiviertel wäre der Gang zum Zahnarzt bestimmt ein wesentlich längerer gewesen vom Alex aus.
Diese Touri-Monokultur ist bedarfsorientiert, wie hier schon richtig angemerkt wurde. Sie ist auch der Insel-Lage des Viertels geschuldet. Würde man dem Viertel die Möglichkeit geben zur Expansion in Richtungen Altmarkt und Neumarkt, würde diese Monokultur gesunden und auch wieder bunter werden.
Moderne Stadtplaner haben das Nikolaiviertel zum Inseldasein verurteilt, und nun kommen deren Anhänger und kritisieren es und bezeichnen es als Touristenkitsch. Dabei ist ganz offensichtlich die moderne Stadtverhinderung daran schuld. Wieder aufgebaute Altstadtstrukturen (sei es wegen Kriegs- oder Brandzerstörungen) funktionieren im restlichen Europa ganz ausgezeichnet. Warum soll das in Berlin anders sein?
Ich weiß auch nicht, warum das Areal von einigen als weltoffen, zukunftsorientiert und überhaupt Weltmaßstab des modernen Menschen sein soll. Ist das Weltoffenheit, wenn man 800 Jahre Geschichte ignoriert? Ist das Weltoffenheit, wenn in Kriegs- und Nachkriegs-Enthausung verharrt wird? Wenn in überlebten Weltbildern wie der Moderne des 20. Jh., der Athener Charta oder ideologischer Gehirnwäsche verharrt wird? Wahrscheinlich ist noch zuviel hängen geblieben von diesen Menschheitsbeglückern...