• Amiens

    Während meines Aufenthaltes in Paris unternahm ich einen Ausflug nach Amiens, um mir die berühmte Kathedrale anzusehen. Doch auch ansonsten ist die 135 000 Einwohner zählende Hauptstadt der nordfranzösischen Region Picardie eine reizende Stadt mit vielen architektonischen Schätzen.


    Sofort nach Verlassen des Bahnhofs steht man einem der vielleicht bizarrsten Bauwerke Westeuropas gegenüber, einem Betonwolkenkratzer, der große Ähnlichkeit mit dem Kirchturm von St.Joseph in Le Havre aufweist und wahrscheinlich wie dieser aus den 50er Jahren stammen dürfte, allerdings durchgehend aus normalen Wohnungen zu bestehen scheint. Mir ist kein einziges anderes Wohngebäude bekannt, das auch nur entfernte Ähnlichkeit mit diesem eigentlich nicht einmal hässlichen Gebilde besitzt, höchstens vielleicht die allerdings viel, viel kleineren stalinistischen Türmchen der Frankfurter Allee in Berlin. Noch absonderlicher wird der Eindruck, den dieses Ding auf den Betrachter ausübt, durch die extreme Höhendifferenz zur umgebenden Bebauung, die kaum jemals mehr als zwei, drei Stockwerke aufweist.

    Nach einem Gang durch die überraschend kleinstädtisch, geradezu ländlich wirkende Innenstadt ging es weiter zur Kathedrale, der größten der gotischen Kathedralen Frankreichs. Der Bau entstammt jener glücklichen Entwicklungsphase der französischen Kathedralgotik der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, die die wuchtige Schwere der Frühgotik bereits überwunden hat, aber auch noch nicht durch immer ausufernderes Ornament die Sprache ihrer architektonischen Struktur überwuchert. Der Raumeindruck ist überwältigend, luftig, hell und weit, ein steinernes Zeugnis des Aufbruchs, den Kunst und Geist im Europa seiner Zeit erleben. Im Chorbereich viele schöne Ausstattungsstücke vornehmlich des 15. und 16. Jahrhunderts, Schnitzarbeiten und Grabdenkmäler, die jedoch inmitten des Riesenraumes verloren wirken und die man sich besser in der Behaglichkeit einer kleinen Pfarrkiche denken kann. Spazierte anschließend noch etwas durch Amiens, das den Eindruck eines ruhigen, angenehmen Städtchens macht und mit seiner vorherrschenden roten Backsteinarchitektur an englische Städte erinnert.





































  • Schöne Bilder von guter Qualität – vielen Dank dafür besonders deswegen, weil hier Frankreich genauso wie Spanien mit seinen herausragenden Altstädten noch völlig unterrepräsentiert ist.


    Bei Amiens sollte man allerdings nicht vergessen, dass die Stadt sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde. Vieles auf den Bildern gezeigte erinnert frappierend an das ähnlich geschundene belgische Leuven (Löwen), das auch zweimal wieder aufgebaut werden musste. Dabei war man gegenüber deutschen Verhältnissen ziemlich traditionsbehaftet. Und obwohl man sich der Backsteinarchitektur weit schwerer tut, das Alter einzuschätzen, als bei unseren deutschen Fachwerkstädten, wirkt vieles noch erstaunlich urig.

  • Ja, das stimmt - Kriegsschäden sind in Amiens in der Tat wesentlich häufiger anzutreffen als in den meisten anderen nordfranzösischen Städten, auch erinnern im ganzen Stadtgebiet viele Denkmäler an die Verteidigung von Amiens gegen die deutschen Truppen bei der Märzoffensive 1918.
    Allerdings ist es erstaunlich, mit welcher Stilsicherheit Amiens seine Wunden überwiegend geschlossen hat, arge Bausünden wie in den kriegszerstörten deutschen Städten sieht man nur ganz selten.