Normal erscheint uns das nur aus heutiger Sicht. Noch im 15. und 16. Jahrhundert war die hochdeutsche Sprache nichts als eine Kanzleisprache, die von analphabetischen Bauern und Bürgern weder gesprochen noch verstanden wurde. Für diese gilt: Bayern und Friesen sind einander nicht nur (fast) nie begegnet, sie hätten sich, wenn sie einander begegnet wären, auch nicht verstanden.
Auch das von Saxonia sog. "deutsche Dialektkontinuum" ist eine nachträgliche Deutung und Sichtweise. Tatsächlich hätten sich Bayern und Friesen schon deswegen nicht verstanden, weil ihre Sprache sich nicht nur mundartlich sondern gänzlich unterschied. Es gab nämlich kein "deutsches" Dialektkontinuum, sondern ein oberdeutsches, mitteldeutsches und niederdeutsches Dialektkontinuum (mit der Bezeichnung "deutsch" natürlich aus unserer nachträglichen Rückschau versehen). Und nur aus dem oberdeutschen Dialektkontinuum entstand die spätere Kunstsprache, die wir heute umgangssprachlich als "Hochdeutsch" bezeichnen. Die Bezeichnung "Hoch"-Deutsch kommt dabei auch nicht, wie man populär häufig denkt, von einem vermeintlichen "hohen Niveau", sondern war die ursprüngliche Bezeichnung für das, was man heute, um Begriffsklarheit zu schaffen, in der Linguistik als Oberdeutsch bezeichnet. Also schlicht das Deutsch (althochdeutsch "diutisc"="zum Volk gehörend", also die "Volkssprache") der Höhenlagen des heutigen Süddeutschlands, der heutigen Deutschschweiz, des heutigen Österreich und des heutigen Südtirol.
Die "Elitensprache" bis zum Ende des Mittelalters war übrigens Latein! Und dann Französisch! Diese Volksprache (also wörtlich "das Deutsche") kam erst mit der Aufklärung auch bei Gebildeten und den Eliten zur Verwendung zB als Schriftsprache, dabei wurde diese dann auch verschriftlicht und entstand als Kunstsprache, noch zu Zeiten Goethes war dieser Prozess im vollen Gange, weswegen man zB die Lautung zahlreicher Gedichte Goethes nur dann richtig interpretiert, wenn man dabei den sächsischen Dialekt heranzieht (Goethe hatte sich einen sächsischen Akzent zugelegt, der galt zu seiner Zeit als bildungssprachlich und somit "fein").
Das mittel- und insb. das niederdeutsche Dialektkontinuum sind dabei auf dem Gebiet des heutigen Deutschland komplett verdrängt worden und "Nachfahren" dieser Sprachen werden heute nur noch in Nachbarstaaten gesprochen (mitteldeutsch in Luxemburg, niederdeutsch in den Niederlanden).
Das ist seit langem gesicherter und unstreitiger Wissensstand der Germanisten und Sprachhistoriker aber selbst diese grundlegenden Zusammenhängen sind der allgemeinen Bevölkerung vollkommen unbekannt - vgl. das Bewusstsein der Hannoveraner, das "beste Hochdeutsch" zu sprechen, nicht wissend, dass diese das nur deshalb so nah an der Schrift sprechen, weil ihre eigentliche Muttersprache einst von der neuen Kunstsprache "Hochdeutsch" als Sprache der Oberschicht verdrängt wurde (und klar, wenn man eine Fremdsprache lernt, dann nach dem offiziellen Vokabular und offizieller Grammatik).
Und deswegen sind die "Dialekte" des Alpen- und Voralpenlandes noch heute kompatibel mit der hochdeutschen Schriftsprache ("Buar" ist auch nur eine andere Form von "Bursche" und somit höchstens eine veraltete Form des hochdeutschen "Junge", das plattdeutsche "Fent" hat hingegen keinerlei Ähnlichkeit mit irgend einer Form von "Junge", beide heißen im jeweiligen Dialekt "Junge", Wortverwandtschaften zwischen Hochdeutsch und zB Plattdeutsch gibt es hier und da, die gibt es aber zB zwischen Deutsch und Englisch auch reichlich, gerade bei Alltagsbegriffen wie Butter-Butter, usw).
Das erschien mir noch wichtig nochmal klarzustellen. Es gab kein "deutsches Volk", das ist ein Kunstprodukt, geschmiedet von der Führungsnation Preußen, die ein größeres Hinterland, eine größere Provinz wollte, um die großen, eigenen Ambitionen auf eine Führungsrolle in Europa auch in die Tat umsetzen zu können (das alte preußische Stammland wäre dafür einfach zu klein gewesen). Die preußische Expansion verlief dabei ja in mehreren Schritten. Den größten Brocken, Bayern, sich über die Reichsgründung einzuverleiben und sich die Zustimmung Ludwigs dafür zu erkaufen, mit Geldern des zuvor im einverleibten Hannover konfiszierten "Welfenschatzes", war ja nur der Endpunkt. Ich hoffe, dass diese ganzen Zusammenhänge über die für die Geschichte Berlins reservierten Flächen im Humboldtforum beleuchtet werden. Das Geschichtsbewusstsein und die geschichtliche Allgemeinbildung der allermeisten Deutschen endet bzgl. Detailwissen ganz abrupt spätestens bei allem, was vor 1871 war. Das Stadtschloss Berlin hat diese ganzen Umbrüche mitgemacht, als Herrschaftssitz der dabei federführenden Preußen, bis hin zur Ausrufung der Republik und dem Ende aller deutschen Monarchien. Das ist in meinen Augen eine Bedeutung dieses Schlosses, die bisher in der Diskussion noch sehr zu kurz kam. Und somit ist der Bogen zum Thema wieder geschlagen die off-topic Gefahr gebannt.