Dimension des Stadtschlosswiederaufbaus

  • Normal erscheint uns das nur aus heutiger Sicht. Noch im 15. und 16. Jahrhundert war die hochdeutsche Sprache nichts als eine Kanzleisprache, die von analphabetischen Bauern und Bürgern weder gesprochen noch verstanden wurde. Für diese gilt: Bayern und Friesen sind einander nicht nur (fast) nie begegnet, sie hätten sich, wenn sie einander begegnet wären, auch nicht verstanden.


    Auch das von Saxonia sog. "deutsche Dialektkontinuum" ist eine nachträgliche Deutung und Sichtweise. Tatsächlich hätten sich Bayern und Friesen schon deswegen nicht verstanden, weil ihre Sprache sich nicht nur mundartlich sondern gänzlich unterschied. Es gab nämlich kein "deutsches" Dialektkontinuum, sondern ein oberdeutsches, mitteldeutsches und niederdeutsches Dialektkontinuum (mit der Bezeichnung "deutsch" natürlich aus unserer nachträglichen Rückschau versehen). Und nur aus dem oberdeutschen Dialektkontinuum entstand die spätere Kunstsprache, die wir heute umgangssprachlich als "Hochdeutsch" bezeichnen. Die Bezeichnung "Hoch"-Deutsch kommt dabei auch nicht, wie man populär häufig denkt, von einem vermeintlichen "hohen Niveau", sondern war die ursprüngliche Bezeichnung für das, was man heute, um Begriffsklarheit zu schaffen, in der Linguistik als Oberdeutsch bezeichnet. Also schlicht das Deutsch (althochdeutsch "diutisc"="zum Volk gehörend", also die "Volkssprache") der Höhenlagen des heutigen Süddeutschlands, der heutigen Deutschschweiz, des heutigen Österreich und des heutigen Südtirol.


    Die "Elitensprache" bis zum Ende des Mittelalters war übrigens Latein! Und dann Französisch! Diese Volksprache (also wörtlich "das Deutsche") kam erst mit der Aufklärung auch bei Gebildeten und den Eliten zur Verwendung zB als Schriftsprache, dabei wurde diese dann auch verschriftlicht und entstand als Kunstsprache, noch zu Zeiten Goethes war dieser Prozess im vollen Gange, weswegen man zB die Lautung zahlreicher Gedichte Goethes nur dann richtig interpretiert, wenn man dabei den sächsischen Dialekt heranzieht (Goethe hatte sich einen sächsischen Akzent zugelegt, der galt zu seiner Zeit als bildungssprachlich und somit "fein").


    Das mittel- und insb. das niederdeutsche Dialektkontinuum sind dabei auf dem Gebiet des heutigen Deutschland komplett verdrängt worden und "Nachfahren" dieser Sprachen werden heute nur noch in Nachbarstaaten gesprochen (mitteldeutsch in Luxemburg, niederdeutsch in den Niederlanden).


    Das ist seit langem gesicherter und unstreitiger Wissensstand der Germanisten und Sprachhistoriker aber selbst diese grundlegenden Zusammenhängen sind der allgemeinen Bevölkerung vollkommen unbekannt - vgl. das Bewusstsein der Hannoveraner, das "beste Hochdeutsch" zu sprechen, nicht wissend, dass diese das nur deshalb so nah an der Schrift sprechen, weil ihre eigentliche Muttersprache einst von der neuen Kunstsprache "Hochdeutsch" als Sprache der Oberschicht verdrängt wurde (und klar, wenn man eine Fremdsprache lernt, dann nach dem offiziellen Vokabular und offizieller Grammatik).


    Und deswegen sind die "Dialekte" des Alpen- und Voralpenlandes noch heute kompatibel mit der hochdeutschen Schriftsprache ("Buar" ist auch nur eine andere Form von "Bursche" und somit höchstens eine veraltete Form des hochdeutschen "Junge", das plattdeutsche "Fent" hat hingegen keinerlei Ähnlichkeit mit irgend einer Form von "Junge", beide heißen im jeweiligen Dialekt "Junge", Wortverwandtschaften zwischen Hochdeutsch und zB Plattdeutsch gibt es hier und da, die gibt es aber zB zwischen Deutsch und Englisch auch reichlich, gerade bei Alltagsbegriffen wie Butter-Butter, usw).


    Das erschien mir noch wichtig nochmal klarzustellen. Es gab kein "deutsches Volk", das ist ein Kunstprodukt, geschmiedet von der Führungsnation Preußen, die ein größeres Hinterland, eine größere Provinz wollte, um die großen, eigenen Ambitionen auf eine Führungsrolle in Europa auch in die Tat umsetzen zu können (das alte preußische Stammland wäre dafür einfach zu klein gewesen). Die preußische Expansion verlief dabei ja in mehreren Schritten. Den größten Brocken, Bayern, sich über die Reichsgründung einzuverleiben und sich die Zustimmung Ludwigs dafür zu erkaufen, mit Geldern des zuvor im einverleibten Hannover konfiszierten "Welfenschatzes", war ja nur der Endpunkt. Ich hoffe, dass diese ganzen Zusammenhänge über die für die Geschichte Berlins reservierten Flächen im Humboldtforum beleuchtet werden. Das Geschichtsbewusstsein und die geschichtliche Allgemeinbildung der allermeisten Deutschen endet bzgl. Detailwissen ganz abrupt spätestens bei allem, was vor 1871 war. Das Stadtschloss Berlin hat diese ganzen Umbrüche mitgemacht, als Herrschaftssitz der dabei federführenden Preußen, bis hin zur Ausrufung der Republik und dem Ende aller deutschen Monarchien. Das ist in meinen Augen eine Bedeutung dieses Schlosses, die bisher in der Diskussion noch sehr zu kurz kam. Und somit ist der Bogen zum Thema wieder geschlagen die off-topic Gefahr gebannt. ;)

  • ^^ Selbstverständlich gab es bereits im Barock eine durchaus einflussreiche Nationalbewegung, die in Teilen bis heute ausstrahlt.


    Als Beispiel seien hier nur mal die vielen deutschen Sprachgesellschaften des Barock genannt, welche das Deutsche vor Fremdwörtern schützen wollte.
    Einer der bekanntesten Vertreter war Philipp von Zesen (1619-1989) mit seiner "Deutschgesinnten Genossenschaft". Ihm verdanken wir Eindeutschungen
    von Fremdwörtern, die wir heute noch ganz selbstverständlich benutzen.


    Hier ins Forum passt ganz gut seine deutsche Variante des Fundaments: nämlich der "Grundstein" :daumen:


    Ebenso verdanken wir ihm Findungen wie "Bücherei" für Bibliothek, "Kreislauf" für Zirkulation oder auch "Weltall" für Universum. Es gibt noch viele andere Wörter von ihm,
    die wir heute nutzen, ohne zu wissen, dass sie "nationale" Sprachkonstrukte sind.


    Wenn man so will, waren von Zesen und seine Mitstreiter frühe Nationalisten, aber nicht im negativen Sinne des Wortes, sondern eben aus dem Kulturellen, Sprachlichen kommend.

  • PS: ich hoffe, dass die Gründungsintendanz des Humboldtforum der Versuchung widersteht, die Flächen zur Stadtgeschichte Berlins auf die den Menschen sicher nähere NS Zeit, Holocaust, Teilung und Wiedervereinigung zu beschränken bzw. diese maßgeblich nur mit diesem Teil der Geschichte zu bespielen. Diese sollten nicht mehr oder weniger Fläche bekommen, als proportional ihrem chronologischen Anteil der Gesamtgeschichte Berlins nach; "Spezialmuseen" die das Thema NS Zeit, Holocaust und Teilung/Wiedervereinigung behandeln gibt es ohnehin an anderer Stelle. Dies sollte eine Gesamtschau werden, die ein Gefühl für die Gesamtzusammenhänge großer Zeiträume vermittelt, exemplarisch am Beispiel der Geschichte Berlins, die in vielerlei Hinsicht exemplarisch für die Geschichte Europas war.


    Über die Zeit vor ca. 1. Weltkrieg herrscht großes Unwissen und solch ein sicherlich sehr stark besuchter Ort wie das Humboldtforum, ich kann mir gut vorstellen, dass es in den ersten Jahren die Touristenattraktion Nummer 1 in Berlin wird, könnte stark dazu beitragen, diese Wissenslücken zu füllen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass "wir Deutschen" in allem, was uns ausmacht und in allem, woher wir kommen, stets ein Vielvölkerstaat waren, stets Multikulti. Damit wäre dann auch der inhaltliche Bogen zum Museum der Weltkulturen geschlagen, eine wirklich runde Sache und so wäre dieses Haus eine wahre Bereicherung und in dieser umfassenden Darstellung deutscher Geschichte, eingebettet in die Kulturen der Welt, auch ein Unikat in der deutschsprachigen Museumslandschaft. Alleine dafür ist dieser Bau jeden Euro wert. Inhaltlich also durchweg überzeugend.


    Zur Hülle der drei Barockfassaden sage ich den Kritkern: seht sie doch einfach als Freiluft-Ausstellungsstück des Humboldtforum, in Originalgröße, die vielleicht größte ausgestellte Plastik der Welt, beheimatet auf der Museumsinsel, kunsthandwerklich hochwertig gefertigt, nach der Vorlage der zerstören Originalstücke. Kunsthistorisch wertvoll ist sie doch unzweifelhaft und nur Repliken von kostbaren Plastiken auszustellen wird ohnehin immer üblicher. Hier wird kein Schloss rekonstruiert, hier werden kunsthistorisch wertvolle Barockplastiken aus dem Vergessen der Archive zurückgeholt und an ihrem ursprünglichen Standort wieder öffentlich aufgestellt. Vielleicht kann man es so sehen und sich damit überwinden, der Sache eine Chance zu geben.

  • Du haust hier ja allerhand durcheinander....


    Auch das von Saxonia sog. "deutsche Dialektkontinuum" ist eine nachträgliche Deutung und Sichtweise. Tatsächlich hätten sich Bayern und Friesen schon deswegen nicht verstanden, weil ihre Sprache sich nicht nur mundartlich sondern gänzlich unterschied. Es gab nämlich kein "deutsches" Dialektkontinuum, sondern ein oberdeutsches, mitteldeutsches und niederdeutsches Dialektkontinuum (mit der Bezeichnung "deutsch" natürlich aus unserer nachträglichen Rückschau versehen).


    Überleg doch mal, was Dialektkontinuum bedeutet. An den Schnittstellen von Ober-, mittel-, und niederdeutschen Sprachgebieten gab (bzw. gibt) es Übergangsdialekte, bis zur französischen Invasion sogar bis nach England. Das ist der Sinn dieser Bezeichnung. Sonst könnte man auch einfach nur von Ober-, mittel-, und niederdeutschen Sprachen schreiben. Das ist es was den Unterschied zu den romanischen, nordgermanischen und slawischen Nachbarsprachen ausmacht.



    Und nur aus dem oberdeutschen Dialektkontinuum entstand die spätere Kunstsprache, die wir heute umgangssprachlich als "Hochdeutsch" bezeichnen.


    [...]


    Na das ist ja völliger Mumpitz. Die heutige Hochsprache entstammt nachweislich den mittdeldeutschen Dialekten, genauer der sächsischen Kanzleisprache Luthers. Die gemeinsame Oberdeutsche Schreibsprache hat sich nicht durchgesetzt.



    Das erschien mir noch wichtig nochmal klarzustellen. Es gab kein "deutsches Volk", das ist ein Kunstprodukt, geschmiedet von der Führungsnation Preußen, die ein größeres Hinterland, eine größere Provinz wollte, um die großen, eigenen Ambitionen auf eine Führungsrolle in Europa auch in die Tat umsetzen zu können (das alte preußische Stammland wäre dafür einfach zu klein gewesen).


    Nochmal, Mumpitz. Die Preußen haben doch nicht das "Deutsche Volk" erfunden. :nono: Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen sollte, diesen Quatsch zu wiederlegen.

  • Du haust hier ja allerhand durcheinander....


    Du störst dich daran, dass ich nicht beleuchtet habe, dass das Neuhochdeutsche der ostmitteldeutschen Gebiete letztlich den Stich gegenüber der oberdeutschen Schreibsprache machte? Geschenkt, das habe ich in der Tat nicht weiter ausgeführt. Ich wollte nicht (noch) mehr in off-topic Details gehen und nahm dabei gerne in Kauf, die Stichworte nur kurz anzureißen, die Sache mit dem Sächsischen habe ich ja erwähnt (vgl. Goethe Anekdote). Bitte keine Wortklauberei wie zuvor schon mit "bayerisch" bzgl. Würzburger Residenz. Stimmst du mir etwa nicht bzgl. des vollkommen mangelhaften Geschichtsbewusstseins über die ganzen Jahrhunderte vor dem 20. Jh. zu, insb. ein fehlendes Verständnis um Gesamtzusammenhänge und dessen, "woher wir Deutschen kommen" und "wie wir wurden, was wir sind"? Darum geht es mir. Eine differenzierte Betrachtung der deutschen Geschichte.
    Das könnte im Humboldtforum wunderbar funktionieren, exemplarisch "aufgehangen" an der Lokalgeschichte Berlins, eine Stadt die häufig eine zentrale Rolle in den Geschehnissen spielte oder zumindest exemplarisch für viele andere Kapitel ist.

  • Was heißt denn Wortklauberei. Ich kann nur das für bar nehmen, was du auch schreibst. Das Hochdeutsche stammt nunmal nicht vom Oberdeutschen ab, genausowenig wie die Würzburger Residenz ein bayerischer Bau ist.

  • Was heißt denn Wortklauberei. Ich kann nur das für bar nehmen, was du auch schreibst. Das Hochdeutsche stammt nunmal nicht vom Oberdeutschen ab, genausowenig wie die Würzburger Residenz ein bayerischer Bau ist.


    Um es ganz genau zu nehmen:


    "Der für die deutsche Standardsprache oft gebrauchte Begriff Hochdeutsch bezeichnet in der germanistischen Sprachwissenschaft eigentlich eine Gruppe von Mundarten in Mittel- und Süddeutschland (Mittel- und Oberdeutsch), die sich durch die Benrather Linie vom Niederdeutschen abgrenzen." (http://de.wikipedia.org/wiki/Standarddeutsch), die neuhochdeutsche Schriftsprache ist ja nur ein Aspekt davon gewesen. So und nun wünsche ich unseren Posts eine gute Reise nach Off-Topicia.


    Was ich vermeiden wollte, indem ich nicht in die Details ging, auf die es beim "bigger picture", nebenzu auf eine komplexe Vorgeschichte des heutigen Hochdeutsch hinzuweisen, auch überhaupt rein gar nicht ankommt; es ist einfach irrelevant, ob es nun eher diese oder jene Region der Südhälfte des heutigen Deutschlands war; die wichtigere Tatsache ist, dass die ganzen Nord- und Westdeutschen die Sprache des Süden und Südostens, nenn es meinetwegen "Mitteldeutschland", übernommen haben, das ist die eigentlich interessante und ebenso weithin unbekannte Tatsache.

  • Dazu möchte ich in Richtung dieser Hamburger Zeitung nur sagen, lieber "verlogen" als ein solch geschichtslos-"ehrliches" Stadtbild wie in Hamburg: zwar ist Hamburg eine der ältesten Metropolen Mitteleuropas, jedoch auch eine mit den wenigsten historischen Bauten, die von diesem Alter zeugen (0815 Gründerzeit a lá Speicherstadt oder Hamburger Rathaus aus dem späten 19. Jh. gibt es auch überall in nordamerikanischen Städten, wo aber sieht man in Hamburg etwas von den vielen Jahrhunderten zuvor - das Gründungsdatum Hamburgs wird auf das Jahr 810 n. Chr. geschätzt!). Berlin versucht etwas aus der Zeit vor dem 19./20. Jh. in das Stadtbild zurück zu holen, einer komplett anderen und für uns heute fremden Welt, vor der Industrialisierung, vor dem Individualismus und der Demokratie - was solche Erinnerungsobjekte umso wertvoller macht, gerade weil für uns das Alltagsleben zur Zeit des Barock so unendlich fern und fremdartig erscheint.


    Hamburg diskutiert zur gleichen Zeit über den ungeheuren Wert dieser kürzlich unter Denkmalschutz gestellten Baudenkmäler: http://www.zeit.de/hamburg/sta…015-02/hamburg-city-hoefe


    Ja, liebe Hamburger, da bin ich in Berlin lieber "verlogen".


    Zu polemisch? Auf eine Polemik darf man ruhig polemisch reagieren.

  • @Pumpernickel: Hast Du den Artikel eigentlich gelesen? Es geht nicht um die Reko an sich, sondern allein um das inhaltliche Konzept (anderen Kulturen ihre Kulturrelikte erst zu stehlen und sie dann mit einer großen Geste der Weltoffenheit - aber im Grunde doch nur wieder aus eigenen Interessen - auszustellen, sei verlogen)...


    Ich finde den Artikel ehrlich gesagt, schwierig zu diskutieren. Komplett von der Hand zu weisen ist die Grundaussage vielleicht nicht. Im Grunde kann man das Gleiche aber über ziemlich alle historischen Museen sagen. Ich finde es immerhin gut, dass die Herkunft der Objekte thematisiert werden soll, wobei mW bei weitem nicht alles brutal "erbeutet" wurde.

  • Natürlich habe ich ihn gelesen, inhaltlich kann man darauf nichts nennenswert erwidern - du hast es ja selbst beschrieben, diese Vorwürfe kann man quasi allen Museen machen. Auch machte sich der Autor sichtlich nicht die Arbeit, mal zu recherchieren, wie die Sammlungen Berlins mit diesem Ursprung vieler Exponate umgehen - die aktuell ja schon in Dahlem ausgestellt sind.


    Man hält enge Kontakte zu indigenen Völkern, von denen Exponate stammen und gerade von diesen Völkern selbst ist bisher nicht ein einziges offizielles Rückgabeersuchen bekommen, viel mehr freuen sie sich und sind auch etwas stolz, dass ihr Kunsthandwerk und ihre kultischen Gegenstände im Ausland auf solch großes Interesse stoßen und ausgestellt und von vielen Menschen bewundert werden. Das halte ich auch für schlüssig und nachvollziehbar. Die Sammlungen werden ja nicht wie zur Kaiserzeit als "Trophäen" präsentiert. Respektvoller und inhaltlich penibler wird museumsdidaktisch nichts präsentiert, als Exponate aus kolonialer Vorzeit. Gäbe es hier anderslautente, konkrete Kritik, dann soll man Roß und Reiter benennen und nicht im Bauschebogen solche Pauschalkritik am geplanten Humboldtforum an sich äußern.


    Daher hielt ich den Artikel schlicht für eine inhaltsschwache Polemik, auf die ich dann eben auch nur polemisch antworten wollte. Und natürlich, machen wir uns nichts vor, in anderen Großstädten wie Hamburg schaut man schon etwas neidisch auf Berlin und darauf, was die neue Bundeshauptstadt so alles an Kulturprojekten vom Bund gesponsert bekommt - das Humboldtforum ist da ja nicht das einzige. Es gibt auch kaum einen auswärtigen Zeitungsartikel über das Stadtschloss, der sich nicht in einem Atemzug darüber mokiert, wie stark Berlin doch vom Länderfinanzausgleich profitieren würde (nach dem Motto "und ein Schloss bauen die jetzt auch noch, so schlecht kann es ihnen ja nicht gehen"). Daher mein Eindruck, dass diese Eifersucht auf zugegeben manche Extrawurst, die Berlin erhält, "Vater des Gedankens" mancher Kritik am Humboldtforum ist.


    Denn Fakt ist: die ganzen Sammlungen werden doch jetzt auch schon präsentiert, seit vielen Jahren. Nur eben in Dahlem. Wo ist da die große Kulturkritik gewesen? Wenn es denn wirklich darum geht.

  • < Der Berg kreiste und gebahr einen neuen Eisbär?


    Ich denke man sollte jetzt ersteinmal das Konzept dieses Herrn aus London abwarten. Was er bisher dazu gesagt hat hörte sich jedenfalls sehr vielversprechend an. Eine Kapazität ist er auch, ich bin da zuversichtlich, dass es nicht eine um eine Ausstellung erweiterte Dussmann-Filiale wird.

    2 Mal editiert, zuletzt von Camondo ()

  • Also das man in Hamburg neidisch auf Berlin schaut höre ich jetzt eher zum ersten Mal ;). Es wäre zwar schön wenn der Bund nicht nur Kulturprojekte in Berlin fördern würde, aber Hey. In anderen Städten wird das eben aus eigener Tasche bezahlt. Man muss ja einfach auch anerkennen das Berlin sich alleine nicht tragen kann, da es aber die Hauptstadt ist finde ich es total ok das man halt ein bisschen mehr Geld reinsteckt. Und nur zur Info, in Hamburg findet man mehr sehr Historische Gebäude als in Berlin. Die Komplette Deichstraße und ein paar Gebäude auf der Cremon die aus dem 15. und 16. Jahrhundert stammen sowie die komplett rekonstruierte Peterstraße und Umgebung wo ein Viertel aus der Hansezeit neu gebaut wurde. Die Rekonstruktion der Kuppel und dachformationen auf den stadthöfen sollte man auch nicht vergessen.

  • Mhm... - Diese Diskussion wird wohl nicht zur Ruhe kommen, da auch, wenn es dann fertig sein wird, deren Voraussetzungen weiter bestehen - die unterschiedlichen gesellschaftlichen Perspektiven auf den Diskussionsprozess, die Entscheidung für Abriss des PdR und Neubau des Humboldtforums, das Engagement des Herren v. Boddin, die Reproduktionskultur von Architekturen, das Herrschaftszeichen Westdeutschlands nach der Wiedervereinigung usw... - das ist ja alles bekannt... - Es wird ja schon gewitzelt, dass in 70 Jahren das Humboldforum wieder abgerissen wird und der Palast der Republik wiederaufgebaut wird... - Damit bliebe man dem genius loci dann wirklich treu... ;)

  • Ohnehin habe ich mich in dem Vierteljahrhundert Schlossdebatte immer wieder gewundert, wie wenig Grundwissen über das alte Berlin, über das Schloß zumal, bei vielen Diskursteilnehmern vorhanden war, vor allem bei den Reko-Gegnern.


    Na ja, es werden ja dann sicher ein paar authentische Laiendarsteller vor der Reko-Fassade unterwegs sein, welche den Leuten "die Architektur erklären" können ;)

  • Integration der Gläsernen Blume in das Schloss

    Wie steht es eigentlich mit den vor einem halben Jahr angekündigten Überlegungen zur Integration der Gläsernen Blume in das Schloss:


    http://www.tagesspiegel.de/ber…tadtschloss/12793832.html


    Gerade weil die Rekonstruktion des Schlosses sehr emotional umstritten ist, wäre dies ein wichtiges Signal um auf diejenigen zuzugehen welche lieber den Palast behalten hätten und dem Schloss negativ gegenüber stehen. Man würde so zeigen dass man an Geschichte nicht nur selektiv erinnert, und so eine Spaltung der Bevölkerung in ihrer Haltung zum Schloss verhindern. Poetisch könnte man sagen, man würde zur Erinnerung "das Herz des Palastes" ins Schloss integrieren.


    Architektonisch würde sich die gläserne Blume bestimmt unproblematisch in die ja eher zweckmässige und schlichte Innenarchitektur des Schlosses integrieren lassen. Falls die Glaskonstruktion heutigen Sicherheitsstandards nicht mehr genügen sollte, könnte man eine Rekonstruktion aus Acryl anfertigen, was sicherlich nicht teuer wäre.


    Die Beibehaltung der Originalmaße wäre aber sehr wichtig, denn nur so könnte sie wieder die alte Funktion eines beliebten Treffpunkts einnehmen, als welcher sie in der Erinnerung vieler Ostberliner und DDR-Bürger verankert ist.

  • ^ich persönlich finde das Objekt Gläserne Blume optisch scheußlich und "Spaltung"? - die DDR gibts seit 25 Jahren nicht mehr, wer auch nur als junger Mann oder junge Frau die DDR noch wirklich erlebt haben will geht jetzt stramm auf Ende 50 zu und nicht jeder davon ist ein Nostalgiker. Ich würde es jetzt nicht als ein Mehrheitsanliegen betrachten sich - noch einmal - mit dem "Palast der Republik" zu befassen. Aber klar, wenn irgendwo in einem Foyer oder Treppenhaus o. ä. Platz dafür ist, dann soll man das Objekt dort ausstellen und ich denke so werden das auch die Verantwortlichen handhaben. Man wird nicht extra dafür das Raumkonzept umwerfen aber wie gesagt, "warum nicht" wenn irgendwo Platz dafür ist.


    Und zur Diskussion bzgl. Umfeldgestaltung - das sogenannte "Schloss" Herrenhausen ist ja nun so ziemlich das minderspektakulärste "Schloss" das ich mir vorstellen kann. Ohne Garten wäre das einfach eine größere Villa. Und ja, da braucht der Garten das Schloss nicht - aber das "Schloss" den Garten. In Berlin ist das doch ganz anders. Der große Oschi genannt Humboldtforum mit den drei Prachtfassaden wird ganz für sich wirken.


    Ich vermute auch, dass es noch einmal ein paar Reibereien geben wird, so würde es mich nicht wundern wenn gealterte Revoluzzer in der Nacht Farbbeutel auf die Rekofassade schmeißen und es wegen dem in Berlin eigentlich unvermeidlichen Vandalismus an einer zuvor nicht antizipierten Stelle (die Kreativität von Vandalen kennt ja kaum Grenzen, da kommste vorher einfach nicht immer drauf) noch einmal ordentlich Bambule gibt usw. aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Gebäude ganz alltäglich zu Berlin gehört. Will sagen: wenn jetzt das Umfeld eher zweckmäßig gestaltet wird, dann ist damit nicht nur der Zug nicht abgefahren, (erst recht) dann werden schon recht bald Rufe nach einer Aufwertung des Umfelds ertönen. Schloss und Musemsinsel sind nach wie vor ein laufender Prozess, ohne absehbares Ende. Dazu sei nur ergänzend auf das ewige Hin- und Her um den Schlossbrunnen verwiesen.

  • ... die DDR gibts seit 25 Jahren nicht mehr, wer auch nur als junger Mann oder junge Frau die DDR noch wirklich erlebt haben will geht jetzt stramm auf Ende 50 zu...


    Dann hast du mit 29 also auch die BRD noch nicht erlebt? Ich (Wessi) bin mal in der Pampa einkassiert worden von Vopos und ich bin gerade mal knapp 46. Muss ich mir wohl alles eingebildet haben, was ich damals allgemein so erlebt habe. Dachte auch immer, ich saß mal gelangweilt Mitte der 80er vor dem Palast der Republik rum und wusste nichts mehr mit dem Ostgeld anzufangen. Aber vor 30 ist man wohl nicht in der Lage seine Umwelt wahrzunehmen? Und was soll das eigentlich bedeuten, geht jetzt stramm auf Ende 50 zu? Die Mehrheit der Bevölkerung ist über 40 und hat die Zeit sehr wohl ganz bewusst erlebt.

  • @Pumpernickel Bei vielen Ostberlinern, und das sind in der Mehrheit eben tatsächlich nicht zugezogene Studenten unter 30, ist das "Kapitalistenschloss" immer noch relativ verhasst weil man es auf undemokratische Weise gegen den Willen der Bevölkerung durchgeboxt hat, weil es als reaktionäres Symbol gesehen wird für eine Zeit die man ebenfalls nicht wieder haben will, und weil man aus ideologischen Gründen und unter fadenscheinigen Vorwänden (in vielen westdeutschen Prestigebauten gibts noch heute Asbest) eine architektonische Ikone Ostberlins zerstört hat. Mit der Blume könnte man zeigen, dass jene ideologische Verbortheit, die nach der Wende jedes Zeitzeugnis der DDR-Architektur tilgen wollte, endlich überwunden wird.


    Bitte den Bau-Thread mit dieser "alten" Diskussion verschonen. Danke
    Bato


    Die mögliche Integration der Gläsernen Blume in das Schloss ist eigentlich eine recht aktuelle Diskussion.


    Die wurde bereits dort diskutiert. Bitte Sufu oder Google nutzen.
    Danke
    Bato