Ökonomische Perspektiven Frankfurts

  • Auch ohne Brexit hat sich Cameron doch bereits zusichern lassen, dass die EU den Finanzplatz London in Frieden lässt und die Briten den selbst kontrollieren/ regulieren bzw. wohl eher eben nichts dergleichen unternehmen. Von daher wäre London wohl auch der logische Standort. Ich hoffe generell, dass es letztlich nicht zu einer Fusion kommt. Aber die versuchen es ja scheinbar immer wieder mit aller Gewalt.

  • Ich würde mir für Deutschland wünschen, dass die hiesigen Unternehmen bei Fusionen sich nicht unter Wert verkaufen und v.a. im Hinblick auf den Unternehmenssitz selbstbewusster auftreten.


    In diesem Fall wird ja zudem so getan, als ob die Deutsche Börse AG die LSE übernehmen würde; O-Ton:
    "Die Dt. Börse erhält die Mehrheit am neugeschaffenen Unternehmen".
    Damit wird suggeriert, dass das deutsche Management das Sagen in neuem Unternehmen hätte. Das mag allenfalls am Anfang gelten. Ansonsten ist das totaler Unfug. Der Sitz wird in London sein und auf seiten der Aktionäre gibt es keinerlei deutschen Einfluss. Die deutschen Streubesitz-Aktionäre (und dazu zählen bei weitem nicht alle aus dem von mir oben genannten 73 % Anteil bei der Dt. Börse AG) sind weder organisiert, noch sprechen sie mit einer Stimme (was ich denen auch noch nicht mal übel nehme). Ein "Chairman" (wird hier von der LSE dann gestellt) hat darüber hinaus deutlich mehr Einfluss auf das Unternehmen als ein deutscher Aufsichtsratchef. Insbesondere setzt dieser die strategischen Leitlinien fest. Nach und nach - da bin ich mir sicher - würden die zukünftig freuwerdenden Stellen in den Führungsebenen mit der Zeit mit Engländern etc. besetzt werden.
    Sollte nun wirklich es auf einen Unternehmenssitz in London hinauslaufen, ist dieses Unternehmen und mittel-/langfristig auch die allermeisten Mitarbeiter für D & RheinMain endgültig verloren. Von der angelsächsischen Unternehmenskultur (& Patriotismus) wird man wohl auch kaum Nachsicht erwarten dürfen.

  • Und Carsten Kengeter beteuert, dass Frankfurt ihm am Herzen liege.


    Nun ja, wenn man seinen Lebenslauf sich anschaut und zudem feststellt, dass der Lebensmittelpunkt seiner Familie (also auch sein eigener) - obwohl er Vorstandsvorsitzender eines deutschen Großunternehmens ist -dennoch London ist, dann dürfen einem berechtigterweise Zweifel bzgl. dieser Aussagen aufkommen ... bald muss er nicht mehr pendeln. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

  • Auch lustig: Am 14. Dezember 2015 soll Carsten Kengeter für 4,5 Millionen Euro Aktien der Deutsche Börse AG gekauft haben. Da war der gebürtige Schwabe und ehemalige Investmentbanker mit Lebensmittelpunkt London, der noch nie für ein deutsches Unternehmen gearbeitet hatte, seit einem halben Jahr Vorstandsvorsitzender. Womöglich hatten zu dieser Zeit die Fusionsverhandlungen bereits begonnen. Das steht in der Samstagsausgabe der FAZ. Die Zeitung fragte bei der BaFin nach, die sagte, sie überprüfe den Handel der Aktien wie bei jeder Fusion oder Übernahme.

  • habe aus serösen quellen gerade gehört, das die Fusion angeblich fix ist und kommt. Deutschland hat keine Börse mehr.


    Natürlich ist seitens der beiden Unternehmen die Fusion schon fix. Angesichts des engen Zeitplans war das zu erwarten. Entscheidend ist, ob die Politik mitspielt. Ich kenne mich zwar mit diesen Fragen nicht aus. Aber offenbar ist es ja so, dass die Börse kein Unternehmen wie jedes andere ist und die Politik durchaus massiv stören kann. Ich hoffe darauf. Dann kann die Börse ja gerne mal klagen....

  • Deutsche Börse & LSE

    Hi,


    ich bin neu hier, lese aber schon lange eifrig mit. Ich teile die Skepsis hinsichtlich der Fusion mit der LSE nicht ganz und kann auch nicht wirklich nachvollziehen, warum auch in den Medien (es droht "Hoechst-Szenario") und auch vereinzelt von Euch auf Basis der bisherigen offiziellen Bekanntmachungen soviele Bedenken geäußert werden.


    Bislang ist doch nur bekannt, dass der "rechtliche Sitz" in London angesiedelt ist und "dual headquarters" in beiden Städten vorgesehen sind. Auf die Personalien/Posten will ich jetzt noch nicht eingehen. Das alleine der rechtliche Sitz eine Sogwirkung entfaltet, sehe ich nicht. Hierzu liefert die Euronext ein gutes Beispiel. Rechtlicher Sitz in Amsterdam und Headquarters in Paris; die Franzosen geben hier den Ton an. Ein Blick auf den letzten Fusionsversuch mit der NYSE zeigt in eine ähnliche Richtung: Rechtlicher Sitz in Amsterdam, dual headquarters.


    Viel wichtiger ist, wie nun die einzelnen Vorstandsbüros/Geschäftsbereiche auf die beiden headquarters verteilt werden. Wenn das nun alles von der Zwischenholding LSE beigesteuert bzw. übernommen würde, ginge mein Blutdruck hoch. Aber meines Erachtens, wird dann mit der Verteilung etwas deutlicher, wie wenig derzeit London zugebilligt ist. Wenn nämlich der CEO-Sitz (unabhängig vom Träger) fest dem headquarters Frankfurt zugeordnet wird und dafür spricht in gewisser Weise schon einmal die Festlegung auf Herrn Kengeter. Genau dieser Punkt hat damals bei der geplanten Fusion mit der NYSE allen Angst bereite. Es gab damals viele skeptische Stimmen wonach das headquarters in NYC mit dem CEO-Sitz eine starke Sogwirkung entfaltet. Es blieb uns erspart. Bitte nicht missverstehen, natürlich werden CEO und andere wichtige Funktionsträger häufig in London sein.... das sind sie aber auch schon - unabhängig von den Verhandlungen; nämlich weil dort die Kunden sitzen.


    Auf die beiden Standorte sind die Hauptgeschäftsfelder zu verteilen: Zentrale für Aktiengeschäft klar in London und die für Derivate klar in Frankfurt. Letzteres ist die Zukunft. Spannend ist sicher die Frage, wo Settlement/Clearing angesiedelt wird? Hinsichtlich des Handelssystems, wäre es natürlich schön, wenn auf T7, Xetra zurückgegriffen wird. Wenn es ungefähr in diese Richtung ginge, wäre das total fair und OK (vielleicht würde sich dann die Londoner Presse etwas kritischer als bisher äußern). Diese Verteilung der Posten/Geschäftsfelder wird erfahrungsgemäß haarklein vertraglich geregelt (schaut Euch einfach die früheren Fusionsentwürfe an). Entscheidend sind dann Regelungen zur zeitlichen Verbindlichkeit/Dauer solcher Kompetenzuordnungen.


    Dieser deal ist meines Erachtens auch die einzig Richtige. CME/ICE sind zu groß. DB wäre der Juniorpartner. Euronext oder BME würden überhaupts bringen. Stillstand wie die letzten Jahre. Im Fall der Euronext würde wahrscheinlich sogar der "rechtlichen Sitz" in Amsterdam landen und der Vorstand für das Aktiensgeschäft nach Paris gehen (Kernkompetenz der Euronext). Bliebe vielleicht die Alternative einfach nichts zu tun. Früher oder später würde eine feindliche Übernahme drohen und die würde wahrscheinlich dann als "merger of equals" verkauft, aber zu deutlich ungünstigeren Konditionen. Die übernehmende Gesellschaft (CME o. ICE) würde das Aktiengeschäft an eine andere Börse abstoßen. Euronext oder aber auch London würden sich dann über das AKtiengeschäft freuen. Das DB-Handelssystem würde abgeschafft. Bei all diesen Szenarien, bliebe von der Deutsche Börse und ihrem Hauptquatier in Frankfurt/Eschborn nicht wirklich viel übrig.


    Auswirkungen eines Brexit: Wenn es so käme, dann steigen durch die Fusion mit der LSE die Chancen Frankfurts als das Europäische Finanzzentrum ganz erheblich. Die "Kapitalbrücke" zwischen den beiden Städten, wird dann ein wichtiges Argument für Frankfurt sein.


    Mein Fazit: ich bin vorsichtig optimistisch.

    Einmal editiert, zuletzt von Kaiser97 ()

  • ICE erwägt Gegenangebot

    Nun schaltet sich der amerikanische Börsenkonzern ICE (u.a. NYSE) in das Geschehen ein, es droht ein teurer Übernahmekampf für die Deutsche Börse zu werden.


    Momentan sieht es folgendermaßen aus: Bis zum 22. März muss die Dt. Börse gemäß englischem Recht ein Überangebot vorlegen; erst danach darf die ICE ein Gegenangebot abgeben. Experten rechnen nun damit, dass die Dt. Börse ihr Angebot erhöhen muss.


    Nun, erfreulich wäre es für mich, wenn der Preis für die LSE derart steigen würde, dass die Fusion von Dt. Börse & LSE nicht zustande käme und die Dt. Börse selbständig mit Sitz in Frankfurt/RheinMain bliebe.


    Es besteht aber auch die Gefahr, dass es dennoch zu einer Fusion kommt und die Dt. Börse einen höheren Preis zahlen muss. Womöglich würden sich in einem solchen Fall dann die Anteile an der neuen Holding einer 50:50-Aufteilung annähern. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass der Sitz in London wäre, könnte man nun wahrlich noch nicht einmal von einer Fusion gleich berechtigter Partner sprechen. Das wäre wirklich das Worst-Case-Szenario. In diesem Sinne wünsche ich der ICE viel Erfolg!


    Handelsblatt

  • ^
    Nunja, würde sich das Verhältnis 50:50 annähern, wäre es im Gegenteil wahrhaftig eine Fusion unter gleichen, und eben nicht mehr eine Übernahme der LSE durch die Deutsche Börse mit zeitgleicher Verlegung des HQ nach London, um dem Vorstandsvorsitzenden das Leben leichter zu machen - wie es aktuell vorgesehen ist. Eigentlich ist auch jetzt schon eine Fusion (aber eben nicht exakt unter gleichen), werden ja nur Aktien getauscht und keine Aktionäre ausgezahlt.

  • Für mich hört sich das wieder so an, als das ein Weißer Ritter gerufen und gefunden wurde. Am Ende des Tages wird sich das alles in Wohlgefallen auflösen und die angelsächsische Welt ihre Ordnung behalten. Schaun wir mal!

  • Mal provokant gefragt: Würde die Bedeutung der Börse Frankfurt auf lange Sicht nicht sowieso immer geringer werden, gemessen an Asien und Amerika? Insofern ist eine Fusion sicherlich gar nicht so schlecht, um dem Abfall in die Bedeutungslosigkeit zu verhindern. Das dabei London den Vorzug als Sitze bekäme, liegt nun mal an dem international höheren Stellenwert der Börse London. Schon jetzt ist die Frankfurter Wertpapierbörse ja nur noch eine Kulissie für Fernsehaufnahmen und die computergestützte Abwicklung des Handels in Eschborn ist ja eh schon in Frankfurt verloren gegangen.

  • Ich bin eher pessimistisch für Frankfurt, da in der englischen Presse von einem großen Gewinn für Londons Bedeutung als Kapitalmarkt gesprochen wird; daher denke ich ein großer Verlust für Frankfurt. Wenn man sich auch mal an die Patrioten Chris Hohn erinnert, die letztendlich so als Art Francis Drake im Auftrag ihrer Majestät die Deutsche Börse an der Übernahme der LSE hinderte und wenn ich mich an die nationalistischen Kommentare in UK im Jahr 2005 erinnere dann gibt es die jetzige Stille in London doch wohl nur deswegen, weil jetzt die LSE die Deutsche Börse effektiv übernimmt. Ich denke, wenn der Sitz nach Frankfurt verlegt werden würde, wäre in London die Hölle los.

  • Kengeter rührt eifrig die Werbetrommel für die Börsenfusion ("keine Schmerzgrenze" beim Preis) und malt das Gespenst des Abstiegs der Frankfurter Börse an die Wand, wenn diese nicht durch Fusionen wächst. Allerdings spricht er auch die Möglichkeit anderer Fusionen an. Das Interview wird morgen früh um 19.35 Uhr bei HR-Info ausgestrahlt: http://hessenschau.de/wirtscha…frankfurt,boerse-116.html

    Einmal editiert, zuletzt von Megaxel () aus folgendem Grund: ergänzt

  • Das entscheidende Wort hat die hessische Börsenaufsicht, die sich 2012 entscheidend gegen den Merger zwischen NY Stock Exchange und DAX aussprach. Der damalige hessische Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) sagte mit viel Pathos: "Nachdem die Euronext 2006 mit der NYSE fusionierte, ist die Bedeutung von Paris als Börsenstandort immer weiter geschwunden" (Stimmt --> die Euronext hat seitdem die Hälfte der Belegschaft entsorgt). Besonders kritisch wurde der damalige Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag sowie die beinahe steuerfreie Holding in Amsterdam gesehen (--> Wie kann es eigentlich sein, dass stark regulierte Euroländer mit solchen aggressiven Steuerdumping-Methoden ungestraft durchkommen?).


    Die angeblichen Effizienz-Gewinne und Kosten-Ersparnisse basieren vor allem auf Steuersparmodelle. Zudem sorgen "Golden Parachutes" und saftige Gehaltserhöhungen dafür, dass Vorstände ein gesteigertes Interesse daran haben solche Deals schnell und beschwichtigend über die Bühne zu bringen. Sobald sich der Merger dann als eine Halbierung der Eschborner Belegschaft entpuppt, haben die Vorstände längst den großen Reibach gemacht und bleiben von den Konsequenzen ihrer eigenen Entscheidung weitestgehend unberührt.


    Wer meint, dass uns Frankfurter doch egal sein kann, ob der parasitäre Eschborner Speckgürtel bald weniger Gewerbesteuern einnimmt, der sollte mal etwas genauer hinsehen. Die Horden an IT-Dienstleistern, Unternehmensberatern und Juristen, die die Deutsche Börse unterstützen, wären durch die offensichtliche Aushöhlung des Unternehmens ganz empfindlich getroffen. Zudem handelt es sich bei den Angestellten der Deutschen Börse um genau die hohen Einkommen, die in der Stadt dringend benötigt werden. Gerade in der Münchener Innenstadt merkt man sofort, dass die überdurchschnittlich hohe Anzahl an Angestellten von DAX-Unternehmen die Kaufkraft ganz gewaltig erhöhen.


    Dass gerade die LSE nun mit den Vorzügen der Internationalität, Weltoffenheit und Zugang zu Weltmärkten locken will, ist dann nur noch der blanke Hohn. Englands provinzielle, verächtliche und vor allem selbstverliebte Brexit-Kampagne inmitten der größten Sinnkrise der EU seit dem Zweiten Weltkrieg, sollte schon Grund genug sein, dieser Offerte mit großem Misstrauen gegenüber zu stehen. Man kann nur hoffen, dass Tarek Al-Wazir (Hess. Wirtschaftsminister) jetzt die richtigen Entscheidungen bei der Börsenaufsicht trifft und auf die richtigen Experten hört.

  • Englands provinzielle, verächtliche und vor allem selbstverliebte Brexit-Kampagne inmitten der größten Sinnkrise der EU seit dem Zweiten Weltkrieg, ...


    Was ist daran provinziell? Die Leben in ihrer Commonwealth-Welt und werden sich dann wieder stark nach Nordamerika orientieren, dagegen ist die EU eher provinziell ausgerichtet... sollten EU/GB dann zahlreiche Sonderverträge vereinbaren, dann wird der Wirtschaftsschaden insgesamt auch überschaubar bleiben und Frankfurt stark profitieren (als einzige Deutsche Stadt)...

  • Ich faende es schade wenn die Frankfurter (Eschborner) Boerse mit der LSE fusionieren wuerde. Ich schaetze das die LSE ueber kurz oder lang dominieren wuerde und Frankfurt verlieren.
    Brexit verstehe ich ganz gut. Die Englaender wollten eine EWG und keine EU.
    Die EU entwickelt sich nach ansicht der Briten in die falsche Richtung. Da finde ich es gut, das die Bevoelkerung die Chance bekommt abzustimmen, ob sie das mittragen wollen.
    Ausserdem ist England Nettozahler und koennte das Geld statt an die EU zu ueberweisen auch fuer Investitionen im eigenen Land verwenden. Zollfreiheit geht auch ohne Mitglied in der EU zu sein. Siehe Schweiz, Norwegen, Island, etc.

  • Was ist daran provinziell? Die Leben in ihrer Commonwealth-Welt und werden sich dann wieder stark nach Nordamerika orientieren, dagegen ist die EU eher provinziell ausgerichtet... sollten EU/GB dann zahlreiche Sonderverträge vereinbaren, dann wird der Wirtschaftsschaden insgesamt auch überschaubar bleiben und Frankfurt stark profitieren (als einzige Deutsche Stadt)...


    Die EU ist die weltgrößte Freihandelszone, von der sich die stolzen, in der Ehre gekränkten Engländer jetzt mit großem TamTam leichtfertig verabschieden wollen. Das ist für mich eher das Gegenteil von Weltoffenheit, Liberalität, Internationalität, für das sich England gerne in der ganzen Welt feiern lässt. Auch der große Adam Smith würde über soviel "Freihandels-Verhinderung" nur den Kopf schütteln. Ich empfinde die Sabotage-Haltung der Engländer gegenüber der EU zum absoluten Unzeitpunkt als hochgradig unpassend. Die Tories meinen sie können alle Vorteile der EU bekommen ohne seine Nachteile, gib mir die Rosen ohne die Dornen. Kann man wirklich durch Kleinstaaterei in Zeiten der Hyper-Globalisierung bestehen? Eher unwahrscheinlich.


    Ebenso würde mich interessieren wie das Szenario aussehen soll, in dem Frankfurt von diesem Deal "stark profitiert".