Bauakademie - Rekonstruktion und Geschichte

  • @ Architektenkind: Entschuldigung, die Zitate sind jetzt richtig gestellt.



    Ich halte es für zu simpel, wenn man bei Architektur ausschließlich das Gebäude an sich betrachtet, ohne die Auswirkungen, die es bei Menschen auslösen kann.


    Architektur hat doch immer etwas ganz fundamentales im Denken der Menschen bewirkt.


    Nehmen wir mal als Beispiel das alte Ägypten: Heute würde niemand ernsthaft an die Göttlichkeit eines Pharaos glauben. Aber sag das mal als Zeitgenosse von damals, wenn du jeden Tag im Schatten einer Pyramide aufwachst. Nicht allein, aber sehr stark beeinflusst Architektur!


    Alles eine riesige Inszenierung, auch wenn das wahrscheinlich manchmal auch den Auftraggebern nicht in dieser Art bewusst wird. Unsere Aufgabe als Architekten sollte sein, unsere heutige Zeit mit dem Wissen der Geschichte zu deuten (so gut es eben geht) und angemessen darauf reagieren.


    In diesem Zusammenhang halte ich die Rekonstruktion der Bauakademie für fragwürdig. Sie entstand in einem engen zeitlichen Kontext, der so heute nicht mehr gegeben ist.


    Mir ist auch klar, dass solche Debatten an den meisten Menschen vorübergehen - jeder hat nun mal seine eigenen Sorgen und Fachgebiete, zu denen ich nichts sagen kann. Aber wenn man sich schon mit Architektur beschäftigt, sollte man bei einer Diskussion wie dieser die Vielschichtigkeit von Architektur nicht außer Acht lassen.


    Den Satz der Identität des Ortes finde ich da beachtenswerter und gerade aus diesem Grund den jetzigen Zustand katastrophal. Aber könnte ein Neubau nicht eine neue Identität schaffen? Das ist doch einer der Hauptstreitpunkte - ich bin der Meinung, man solle wenigstens den ernsthaften Versuch unternehmen.


    Wer weiß übrigens - wie würde sich Schinkel heute entscheiden, wenn es um sein eigenes Bauwerk geht? Wer weiß das schon? Du verfrachtest Schinkels Geist kontextlos in die Gegenwart. Ich meine, was soll das? In der Zwischenzeit ist 'ne Menge passiert.


    Schinkel würde dies sicherlich in seine Überlegungen einbeziehen. Aber ich will hier Schinkel nicht für meine Vorstellungen instrumentalisieren, wie du es tust. Vielleicht würde Schinkel auch an dieser Stelle gerne eine Kaufland-Filiale hinbasteln, weil er das für das Nonplusultra der Modernität hielte? :)


    Wir wissen es nicht.


    Da würde ich entgegenhalten, dass du Schinkels Gebäude kontextlos (zeitlich) in die Gegenwart verfrachtest und dabei versuchst, davor alles, was an dem Gebäude neben der reinen Materialität anhaftet (also Schinkels Entwurfsgedanken), abstreifst. Ich bezweifle erstens, dass das möglich ist und zweitens, sollte es ohne weiteres gehen, ist das Ergebnis eben ein "Gebäudezombie".


    Dabei würde ich strikt Rekonstruktion von Denkmalpflege trennen (die Charta von Venedig sagt auch nicht explizit etwas über komplette Rekonstruktion aus). Rekonstruktion in der Architektur ist meines Erachtens immer bewertend, Denkmalpflege beschreibend.


    Übrigens hat Schinkel Kaufläden in der ersten Etage eingeplant, damit die Bauakademie finanziert werden konnte. Und nein, ich bin nicht für eine Kaufland-Filiale an diesem Standort.


    Camondo kenne ich nicht, klingt aber spannend ;)

  • In diesem Zusammenhang halte ich die Rekonstruktion der Bauakademie für fragwürdig. Sie entstand in einem engen zeitlichen Kontext, der so heute nicht mehr gegeben ist.


    Wie bereits geschrieben - höchst merkwürdig, dass das mit dem engen Kontext so nicht eingeworfen wird, wenn es um irgend eine Mauer des Jahres 1970, Fugen Berliner unter Denkmalschutz gestellten Plattenbauten, diverse Bauhaus-Gebäude usw. geht - wo ich immer wieder Rufe nach dem Originalzustand höre. Nur bei älteren Bauten, die große Teile der Bevölkerung visuell erfreuen können - obwohl der Kontext genauso hier wie da nicht mehr existiert.


    Ich verstehe übrigens nicht, wieso bei den ganz, ganz wenigen Rekonstruktionen in Berlin (derzeit eine halbe - nur einige der Schlossfassaden ohne Innenräume) immer wieder jemand versucht, auch noch diese zu zerreden. Selbst wenn jemand die Rekonstruktionen nicht mögen sollte, die paar Ausnahmen könnte wohl verkraften.

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  • Auch hier ist die Bauakademie ein gutes Beispiel: zur Zeit Schinkels und die Jahrzehnte danach wurde die Bauakademie sehr kritisch begutachtet, wenn nicht sogar als hässlicher roter Klotz verschrien. Aber nur durch diesen Schritt war eine weitere Entwicklung möglich.


    Gut das ist dann aber eher ein Soziologischer als Architektonischer Konztext zu deuten, da spielt auch ein gewisser Technophlisierter Zeitgeist ein Rolle. Der Volksmund deutet doch eh immer alles Frei Schnauze.;)


    Zunächst einmal ist eine Rekonstruktion sicher nicht per se die Vorhut des Antikapitalismus (siehe Schloss Arkaden Braunschweig). Das wäre genauso falsch, wie Pauschalurteile über moderne Architektur – egal ob positiv oder negativ – zu fällen.


    Darauf bezog sich ja die Metabolistische Idee der Diachronie. Das hat was mit den Überlagern von Zeiteindrücken zu tun, mir ging es nicht um Statische Elemente.


    Zu Gehrys Dekonstruktivismus besteht doch immerhin zwischen uns kein Dissens – Disney-Konstruktion trifft aber eher auf die Rekonstruktion zu. Sie spielen eine Heile-Welt-Nostalgie vor. Bilbao und Co. würde ich eher unter effekthascherisch einordnen (aber da könnte man auch noch drüber diskutieren, vielleicht sollten wir weiter bei der Bauakademie bleiben).


    Es ging mir nur um das Produzieren von "verschwendeten" Raum zukosten eines hohen Herstellungsenergieaufwand einer bestimmten "Ästhetik" untergeordnet.



    Kapitalistische Pseudoökohäuser ist doch auch nicht das, wofür ich plädiere. Das Wort Nachhaltigkeit wird oft missbraucht - das heißt doch aber nicht, dass Nachhaltigkeit schlecht ist, sondern der Missbrauch.
    Nachhaltigkeit fasst ja nicht umsonst ökonomische, ökologische und soziale Fragestellung in ihrer Fülle zusammen. Zur Ökonomie gehört somit der gesamte Lebenszyklus eines Gebäudes, oder zur Ökonomie, dass langlebige und qualitativ hochwertige Materialien genutzt werden (man also auch hier wieder in langen Zeiträumen denkt). Redliche Nachhaltigkeit würde es allerdings einer Rekonstruktion doch etwas schwieriger machen. Jedenfalls schränkt eine Rekonstruktion ungemein ein, will man in anderer Hinsicht (wie Nachhaltigkeit) optimieren (man denke z.B. an die Graue Energie des Backsteins).


    Das ist mir völlig bewusst, aber genau deswegen finde ich ja die Bauakademie als Sinnbild so interessant da sie einen Übergangspunkt markiert zu Modernen Bauformen/techniken. Diese wurden mit der Zeit leider durch den übertreibenen Einsatz von Technik in "Fehlkostruktionen" verwandelt.
    Beton, Holz, Stahl und Glas haben nunmal einen zu hohen Energieaufwand oder hinterlassen zu große Gesamtumweltschäden. Lediglich der Ziegel und spezieler der Lehmziegel haben eine halbwegs ausgeglichene Performance. Diese kombiniert mit einem auf möglichstes Low-Tech ausgerichtet (was keinen verlust an Lebensstandard heißen muss) ergeben dahingehend die besten Lösungsansätze und genau da kommt man nicht um althergebracht u nd bewährte Baumethoden herum. Man stelle sich vor was alleine Intelligente Ziegelgewölbeformen an Holz und Stahl sparen könnten.


    Rem Koolhaas hat mal den tollen vergleich gemacht, das der Klimaingenieur einem Ponton einen Ausenbordmotor dranhängt, der einfach gegen die Kräfte des Meeres ankämpft während der Architekt ein Segelboot baut welches als Gesamtleistungsform, ein gleichgewicht von Nutzung, Form und Technik welches in einem Spannungsverhältniss zum Meer Arbeitet versucht herzustellen.


    Du bist also für einen an das Original angelehnten Neubau, wie bei den zerstörten Meisterhäusern? Das kommt doch meiner Auffassung viel näher, als der Wunsch nach einer Rekonstruktion! Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass einige Aspekte der Bauakademie auf der Suche nach der besten Lösung übernommen werden müssten. So zeigt der Lageplan sehr schön, wie sich der Solitär der Bauakademie mit einer Seite an die Spree und mit der anderen an die Straße ausrichtet und gleichzeitig mit der wieder anderen Seite den Werderschen Markt (Platz) begrenzt. So geschickt in die Umgebung eingefasst und trotzdem unverkennbar als Solitär gedacht – mir fällt auch keine bessere Form ein! Aber das heißt zunächst einmal nur, dass ein Neubau die Form übernehmen kann, es sei denn, irgendwem fällt eine noch viel bessere Möglichkeit ein, die natürlich ordentlich begründet werden müsste. Aber diese Form des Neubaus würde ich nicht unter Rekonstruktion fassen.


    Nunja wie bei den Meisterhäusern hieße das für mich eine Zwingende gesamtperformance die quasi die Grundlagen kopiert. Aber das Bildhafte, Symbolische kann referentiell gedeutet werden. Eine große Metapher, dadurch enststeht ebend auch eine wechselwirkung zur Zeit und es kommt auch dem Rationalistischen Grundgedanken entgegen.

  • höchst merkwürdig, dass das mit dem engen Kontext so nicht eingeworfen wird, wenn es um irgend eine Mauer des Jahres 1970, Fugen Berliner unter Denkmalschutz gestellten Plattenbauten, diverse Bauhaus-Gebäude usw. geht - wo ich immer wieder Rufe nach dem Originalzustand höre.


    Den Ruf nach dem Originalzustand wird doch auch bei Sanierung bzw. Restaurierung von Gebäuden aus dem Historimus etc. laut! Bei allen historischen Gebäuden, welche heute restauriert werden, sind die Vorgaben des Denkmalschutzes zu beachten! Egal in welcher Epoche das Haus errichtet wurde.
    Wie kommst du darauf, dass der Denkmalschutz lediglich bei Bauhaus und Co. eine Rolle spielt?

  • ^ Denkmalschutz ist eine Sache, allerdings etwa die als Beispiel angeführten Plattenbau-Fugen wurden vor der Denkmalschutzstellung überpinselt - in solchen Fällen ist die nachträgliche Wiederherstellung des Originalzustands de Facto eine Rekonstruktion. Die Bauhaus-Meisterhäuser in Dessau werden zum großen Teil rekonstruiert. Wie erwähnt - in solchen Fällen verstummen plötzlich alle diese Stimmen mit "vergangen ist vergangen", "Zeitschichten", "Disneyland", "Kontext fehlt" - die so gerne aufkommen, wenn das Bauwerk älter ist und eine verzierte Fassade hatte (wie im Fall der Bauakademie hier).

  • Die Meisterhäuser in Dessau werden keineswegs zum großen Teil rekonstruiert. Bitte mal vergleichen: link Es handelt sich vielmehr um eine künstlerische Neuinterpretation.

  • ^ Denkmalschutz ist eine Sache, allerdings etwa die als Beispiel angeführten Plattenbau-Fugen wurden vor der Denkmalschutzstellung überpinselt - in solchen Fällen ist die nachträgliche Wiederherstellung des Originalzustands de Facto eine Rekonstruktion.


    Immer wieder diese Vorurteile!
    JEDES denkmalgeschütze Gebäude - egal ob Bauhaus oder Historismus - wird heutzutage so restauriert bzw. rekonstruiert, wie es im Originalzustand ausgeführt wurde! Beispiel: Bei vielen Gebäuden aus der Epoche des Historismus wurden in den 70-er hässliche Metallfenster ohne Sprossen und 1-flügelig eingebaut (Originalfenster: Holz, 2-flügelig). Viele Gebäude wurden erst später unter Denkmalschutz gestellt. Heute werden bei der Sanierung und Restaurierung der alten Gebäude die hässlichen Metallfenster gegen 2- flügelige Holzfenster ausgetauscht, so wie sie früher aussahen.
    Auch wenn es anscheinend vielen schwer fällt zu akzeptieren: Beim Denkmalschutz werden die historistischen Gebäude genauso behandelt wie etwa Bauhaus Häuser! Aber wahrscheinlich passt diese Tatsache nicht in das Weltbild der Modernisten-Hasser!

  • JEDES denkmalgeschütze Gebäude - egal ob Bauhaus oder Historismus - wird heutzutage so restauriert bzw. rekonstruiert, wie es im Originalzustand ausgeführt wurde!


    Das wäre selbstverständlich auch im Fall der Bauakademie schön - leider gab es auf den letzten Threadseiten ganz andere Ideen dazu.


    Aber wahrscheinlich passt diese Tatsache nicht in das Weltbild der Modernisten-Hasser!


    Aktuell kenne ich in Berlin zwei konkrete Rekonstruktionen - des Schlosses (im Betrieb - allerdings nur unvollständig) und der Bauakademie, vorerst vage geplant. Winzig wenig verglichen mit den 100ten Bauten, die jedes Jahr neu entstehen. Unverständlich, dass jemand dieses Wenig stören sollte, als ob einem Zähne gezogen wären oder noch schlimmer. Sollte ich etwas hassen, dann die ständigen Versuche, diese wenigen Projekte auch noch zu zerreden, zu hinterfragen, zu torpedieren - statt sich schlicht und einfach an den anders gestalteten Bauten zu erfreuen, die an anderen Standorten en Masse entstehen.

  • [...]JEDES denkmalgeschütze Gebäude - egal ob Bauhaus oder Historismus - wird heutzutage so restauriert bzw. rekonstruiert, wie es im Originalzustand ausgeführt wurde![...]


    Schön wärs - beim Neuen Museum in Berlin, der Alten Pinakothek in München und in zahlreichen anderen aktuellen Fällen trifft diese Behauptung leider nicht zu.

  • Zitat von Bau-Lcfr^ Denkmalschutz ist eine Sache, allerdings etwa die als Beispiel angeführten Plattenbau-Fugen wurden vor der Denkmalschutzstellung überpinselt - in solchen Fällen ist die nachträgliche Wiederherstellung des Originalzustands de Facto eine Rekonstruktion. Die Bauhaus-Meisterhäuser in Dessau werden zum großen Teil rekonstruiert. Wie erwähnt - in solchen Fällen verstummen plötzlich alle diese Stimmen mit "vergangen ist vergangen", "Zeitschichten", "Disneyland", "Kontext fehlt" - die so gerne aufkommen, wenn das Bauwerk älter ist und eine verzierte Fassade hatte (wie im Fall der Bauakademie hier).


    Das stimmt so nicht. Auch wenn das hier eine andere Debatte ist, die mit Rekonstruktion nicht viel gemein hat, sondern mit Denkmalschutz, ist die Wiederherstellung des Originalzustands bei Denkmälern Ermessenssache: normalerweise wird die Konservierung angestrebt (Charta von Venedig, Art. 3); allerdings lässt sie auch Ausnahmen zu (Art. 11).
    Der Rest um die Meisterhäuser wurde schon von DerBe oder D.T.68 widerlegt. Angenommen, die Meisterhäuser sollten rekonstruiert werden, wäre ich aus den selben Gründen dagegen, wie gegen die Rekonstruktion der Bauakademie.


    Zitat von D.T.68
    JEDES denkmalgeschütze Gebäude - egal ob Bauhaus oder Historismus - wird heutzutage so restauriert bzw. rekonstruiert, wie es im Originalzustand ausgeführt wurde!


    Hier werden mal wieder viele Dinge vermischt. Um nochmal etwas Klarheit hineinzubringen: ein denkmalgeschütztes Gebäude kann per definitionem nicht rekonstruiert werden. Denn wenn ein Gebäude unter Denkmalschutz steht, dann impliziert das die Existenz des Gebäudes. Wir reden hier über eine Rekonstruktion und die ist nun einmal ein neues Gebäude und hat erst einmal rein gar nichts mit Denkmalschutz zu tun. Die Frage, die sich hier also stellt ist, ob das neue Gebäude den gleichen Anschein (Fassade und/oder Raumkonzept und/oder gleiche Materialien...) abgeben soll, wie das historische Vorbild.


    Zitat von Bau-Lcfr
    Sollte ich etwas hassen, dann die ständigen Versuche, diese wenigen Projekte auch noch zu zerreden, zu hinterfragen, zu torpedieren - statt sich schlicht und einfach an den anders gestalteten Bauten zu erfreuen, die an anderen Standorten en Masse entstehen.


    Das ist wohl für manche schwer zu verkraften an einem freien Land: man muss sich gefallen lassen, dass Projekte hinterfragt werden. Mich nervt eher, dass an so prominenten Standorten nach Gutsherrenart der übliche Wettbewerb umgangen wird.

  • Das ist wohl für manche schwer zu verkraften an einem freien Land: man muss sich gefallen lassen, dass Projekte hinterfragt werden.


    Man muss sich auch gefallen lassen, dass die Proportionen des Hinterfragens hinterfragt werden. In etwa die Hälfte der Neubauvorhaben beruft sich auf das Bauhaus oder die Moderne als Vorbilder - und wenn von der klassischen Moderne die Rede ist (durchaus oft), wird ein Nachbau impliziert. Der Kontext dafür allerdings fehlt, da die Welt anders geworden ist - die 1920er/1930er-Jahre sind mir genauso unbekannt und fremd wie das 12. oder 18. Jahrhundert. Ich schlage vor, bei jedem dieser Projekte die Zeitgemässigkeit und den Kontext mit ähnlicher Intensität wie in diesem Thread zu hinterfragen - nach etwa einer Million Postings dürfte die kritische Parität hergestellt werden.


    Wirklich neue Ideen gibt es in der Architektur anscheinend nicht - man kann nur wählen, welche Epoche nachgebaut wird. Die der Bauakademie ist in den letzten Jahren zweifelsfrei wenig vertreten.

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  • ^
    Was das Bauhaus angeht sind wir ja auch wieder einer Meinung. Ich würde auch dort eine Rekonstruktion entschieden ablehnen. Vielleicht kamen meine Beiträge so rüber, dass ich eine Aversion direkt gegen die Bauakademie oder gegen alles das hege, was älter als 100 Jahre ist. Das stimmt nicht, ich lehne lediglich Rekonstruktionen ab. Dass ich mich so gegen die Bauakademie stemme liegt daran, dass ich in dieser Stadt lebe und ich mich vom Studium aus gerade intensiv damit beschäftige.


    Wenn du meinst, es gäbe keine neuen Ideen in der Architektur, dann nehme ich an, du beschäftigst dich wenig mit moderner Architektur. Es gab wohl noch nie ein Jahrhundert, in dem so viele neue (und auch sehr tiefgründige) Ideen auftauchten, wie im 20.! Jetzt einfach den Kopf in den Sand zu stecken, weil es sie natürlich auch gibt - u.a. die große Masse plumper moderner Architektur - halte ich für grundfalsch.


    Um ein anderes Beispiel zu nennen: an der unmittelbar benachbarten, ebenfalls von Schinkel errichteten Friedrichwerderschen Kirche werden offensichtliche architektonische Beeinträchtigungen schon im Vorfeld billigend in Kauf genommen (Hierzu eine Diskussionsrunde von 2011: https://www.youtube.com/watch?…4&list=PL0324A682DB618BA0). Trotzdem wird munter drauf los gebaut.


    Inzwischen hat die Kirche sogar gravierend Bauschäden genommen (http://www.tagesspiegel.de/ber…-in-bildern/11538120.html). Hier sollte man ansetzen! Die tatsächlichen Denkmäler stärker vor solchen dreisten Eingriffen schützen und nicht dann nach paar Jahrzehnten wieder nach der Rekonstruktion schreien. Paul Kahlfeld hat sich in dem Gespräch meines Erachtens außer mit etwas Schaumschlägerei nicht besonders zum Schutz der Schinkelkirche eingesetzt - jedoch ist er ein glühender Verfechter der Rekonstruktion der Bauakademie (ist Schatzmeister und im Vorstand der Internationale Bauakademie Berlin e.V.).
    Eine Rekonstruktion wäre auch hinter diesem Hintergrund ein falsches Zeichen: es suggeriert, dass alles Verlorene ohne Probleme wieder hervorgeholt werden kann, ein besonderer Schutz dementsprechend nicht gegeben ist. Aber es geht etwas verloren! Abgesehen von dem nüchternen Beweis der Geschichte (z.B. Nürnberger Nazibauten), gibt es auch etwas Poetisches an der Architektur. Das Gefühl nach Originalität ist schwer zu beschreiben, vielleicht als eine Art Schimmer oder Glimmen, das den Bauwerken anhaftet. Marcel Prost hat es wunderbar umrissen:


    „Die Kirche! Wie ich sie liebte, wie ich sie noch deutlich vor mir sehe, unsere Kirche! Wenn wir zu unserem Platz gingen, bewegte ich mich in der Kirche wie in einem von Feen besuchten Tal, wo der Bauer mit Entzücken in einem Felsen, einem Baum, einem Teich die greifbare Spur ihres übernatürlichen Aufenthalts erblickte. All dies machte sie für mich zu etwas, das vollkommen verschieden war vom Rest der Stadt: ein Bauwerk, das, wenn man so sagen kann, einen vierdimensionalen Raum einnahm – die vierte Dimension war die der Zeit – und das mit seinem durch die Jahrhunderte gleitenden Schiff von einer Empore, einer Kapelle zur anderen nicht nur einige Meter zu durchmessen und zu überwinden schien, sondern aufeinanderfolgende Epochen, aus denen es siegreich hervorgegangen war.“


    Bevor mir jetzt damit wieder jemand Sentimentalität vorwirft, es ist wie gesagt nur ein Aspekt unter vielen; ich dachte, es wäre mal wieder Zeit für etwas Pathos ;) .


    tl;dr
    Mich nervt das bigotte Verhalten auf der einen Seite eine Zeit oder Architekten zunächst in schwindelnde Höhen zu lobpreisen um eine kaschierende Rekonstruktion durchzudrücken und auf der anderen Seite sich nicht einmal auf den möglichst schadlosen Erhalt bereits existierender Originale verständigen zu können.


    Bitte nur zitieren wenn es Sinn macht. Danke
    Bato

    Einmal editiert, zuletzt von Baldius () aus folgendem Grund: Ungenaue Beschreibung der Stellung von P. Kahlfeldt im IBB

  • Es gab wohl noch nie ein Jahrhundert, in dem so viele neue (und auch sehr tiefgründige) Ideen auftauchten, wie im 20.!


    Das gilt vielleicht für die erste Hälfte oder drei Viertel - ich schrieb über jetzt (wir haben übrigens mittlerweile das 21. Jahrhundert), wo ich die gegenwärtige Gestaltungsproduktion fast ausnahmslos schon mal öfters gesehen habe. Am letzten Samstag in Brüssel wollte ich bereits einen Bau mit grauer Fassade, versetzten Fenstern und ein paar Farbflecken für den Bauprojekte-in-Brüssel-Thread fotografieren - im letzten Augenblick erkannte ich an der Verwitterung der Fassade, dass es nicht eins von den jetzt so oft genauso gestalteten Gebäuden ist, sondern aus den 1960er / 1970er Jahren, als man bereits öfters identische Klötze entwarf.
    Es gibt seit Jahrzehnten Medienartikel darüber, dass die Moderne immer wieder und wieder und wieder nur noch sich selbst kopiert - mit anderen Worten, die Bauten werden ständig nachgebaut. Da gibt es keinen Unterschied zum Nachbauen eines älteren Bauwerks wie die Akademie - bis auf Begeisterung großer Teile der Bevölkerung. Dass die Nachbauten neuerer Bauten mehrheitlich als hässlich empfunden werden, findet man ebenso in unzähligen Artikeln.

  • Es gab wohl noch nie ein Jahrhundert, in dem so viele neue (und auch sehr tiefgründige) Ideen auftauchten, wie im 20.!


    Das stimmt so nicht, die meisten Ideen sind nur (Wieder)erfunden vorallem was Bautechniken angeht. Das 20.Jahrhundert kommt einem nur so vor weil viele Ideen in den Bereich des Möglichen gerückt sind, nicht zwangsläufig im Technischen aber im Ökonomischen und Kulturellen (Expressive Selbstdarstellung, Indivdualismus als abhebung) Sinne.
    Es ist auch blödisinnig das Originäre Bauen auf die Moderne zu schieben, es ist eher eine Art fortgeführter Ur-Funktionalismus. Ich meine denkt einmal daran, ein Fachwerkhaus (ich meine jetzt nicht die Romantisierten wo man das Fachwerk sieht sondern die echten welche in 90prozent der Fällen verputzt waren) im 13/14.Jahrhundert in ein druchschnittlichen von einer Mauer geschützten Europäischen Stadt ist ein reiner Funktionsbau. Er nivelliert zwischen den Technisch/Konstruktiven Möglichkeiten seiner Zeit, den Ökonomischen Durschnitt, der Sozialen Darstellung (z.b. Schmuckwerk an der Fassade oder ganz simpel Schilder) usw.


    Es muss Funktionalistisch sein weil seine Umwelt es dazu zwingt!


    Jedes Jahrhundert bildet diesen Anteil von Originärer Funktionalistischer Architektur (die 95%) aus und ist ein Spiegelbild von Gesellschaftlichen, Ökonomischen und Ökologischen Zwängen. Den ein Zeitgenössisches Haus, muss im komplizierten Ökonomischen Wettbewerb, einer größeren Sicherheitsrelevanz, überhaupt einer weitaus größeren Bevölkerung als vor 500 Jahren mit einem höheren Standard zur Verfügung stehen können.
    So hört doch mal auf immer alles auf eine Moderne der 20/30er Jahre zu schieben, die ja vorallem aus einer Oppositionshaltung heraus so radikal rumposaunen konnte. Zumal auch wenns hier im Forum wohl schon tausendmal gesagt wurde die "Moderne" besteht nicht nur aus seiner Teilströmung der des "Funktionalismus".

  • Neues von der Website des Fördervereins:

    Im August 2015 hat der Potfolioausschuss (Steuerungsausschuss) seine Überlegungen zur Clusterung der landeseigenen Grundstücke beendet und beschlossen, dass das Bauakademiegrundstück im Wege des Erbbaurechts vergeben werden soll. Ein erstes Gespräch hinsichtlich der Umsetzung des Beschlusses fand Anfang September im Hause der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt mit Vertretern von SenStadtUM, der BIM (Berliner Immobilienmanagement GmbH) und Vertretern des Vereins Internationale Bauakademie Berlin e.V. und des Fördervereins Bauakademie e.V.) sowie der Errichtungsstiftung Bauakademie statt. Zur Zeit gibt es noch unterschiedliche Nutzungsvorstellungen. Der Förderverein Bauakademie / die Errichtungsstiftung Bauakademie sind jedoch Ergebnis-orientiert zu Kompromissen innerhalb einer gleichberechtigten Kooperation bereit. Weitere Gesprächstermine werden folgen; sind jedoch noch nicht vereinbart (Stand: 9. September 2015).

  • Upps. Bisher war doch zugesagt das Grundstück in die Errichtungsstiftung kostenfrei einzubringen.


    Jetzt sind nach Berliner Verordnungslage 4 % des Grundstückswert p.a. zu zahlen. Ber Bodenrichtwert liegt jetzt bei € 6.500 /qm - das Grundstück der Bauakademie hat 2.100 qm. Also muss die Stiftung 546.000 Euro pro Jahr Erbpachtzins zahlen. Das ist also eher ein Errichtungsverhinderungsbeschluß.

  • Kleiner Auszug aus einer Mitteilung des Fördervereins zum aktuellen Stand der Verhandlungen mit der IBB:

    Um in der Angelegenheit weiter zu kommen fand am 30. Oktober 2015 in der Beuth Hochschule für Technik Berlin auf Einladung des Fördervereins Bauakademie ein weiteres 2-stündiges Gespräch in einer aufgeschlossenen Atmosphäre statt.
    Die Herren des Vereins IBB stellten zunächst ihr Konzept vor. Investor ist ein Unternehmer aus dem Süddeutschen Raum. Der Name ist bekannt, wird aber im Internet nicht genannt, wofür um Verständnis gebeten wird.
    Basis für die Umsetzung ist die Aktualisierung der Unterlagen, die der Liegenschaftsfonds für die Ausschreibung im Jahr 2008 die 2010 abgebrochen wurde, erarbeitete. Der Investor wird verpflichtet werden, die vollständigen Baukosten zu übernehmen, die jedoch auf Grund einer anderen Baukonstruktion als die vom Förderverein bzw. der Errichtungsstiftung Bauakademie vorgesehen ist, deutlich niedriger sein werden.
    Das Nutzungskonzept muss noch - wie in dieser Unterlage ausgeführt, erarbeitet werden. Die Vertreter des Fördervereins Bauakademie äußerten die Auffassung, dass die Verabschiedung eines finanziell tragfähigen Nutzungskonzepts vor dem Beginn der Baumaßnahme erforderlich ist. Vor einer Entscheidung sind nach Auffassung der Vertreter des Fördervereins Bauakademie einerseits die Nachhaltigkeit der bisherigen Angebote hinsichtlich der Gewinnung von Zustiftungen zur Finanzierung der Baukosten zu klären. Die Gesprächpartner verblieben, weiter in Kontakt zu bleiben. Unabhängig davon hoffen wir jedoch, dass es im Verlauf des weiteren Verfahrens zu vertretbaren Kompromissen kommen könnte.


    Das klingt nach zähen Verhandlungen.