@ Architektenkind: Entschuldigung, die Zitate sind jetzt richtig gestellt.
Alles anzeigenDas ist leider eine sehr simple Art der Argumentation, die mich immer wieder verwundert.
Wir wollen nicht Schinkels Mentalität, Weltbild oder sein Philosophie kopieren, sondern sein tolles Gebäude, das viel zur Identität des Ortes beiträgt.
Deine Argumentation ist einfach ein Taschenspielertrick. Wir wollen nicht im Geiste Schinkels bauen, wie er sich heute manifestieren würde, sondern wir schätzen Schinkels realen, wahrhaftigen Bau zu seiner Zeit.
Du kannst ja gerne Argumente dafür bringen, wie man den Bau anders bauen sollte etc., aber du solltest auf solche Camondo'schen Taschenspielertricks verzichten.
Der hat in dieser Richtung auch eine gewisse Vorliebe.
Ich halte es für zu simpel, wenn man bei Architektur ausschließlich das Gebäude an sich betrachtet, ohne die Auswirkungen, die es bei Menschen auslösen kann.
Architektur hat doch immer etwas ganz fundamentales im Denken der Menschen bewirkt.
Nehmen wir mal als Beispiel das alte Ägypten: Heute würde niemand ernsthaft an die Göttlichkeit eines Pharaos glauben. Aber sag das mal als Zeitgenosse von damals, wenn du jeden Tag im Schatten einer Pyramide aufwachst. Nicht allein, aber sehr stark beeinflusst Architektur!
Alles eine riesige Inszenierung, auch wenn das wahrscheinlich manchmal auch den Auftraggebern nicht in dieser Art bewusst wird. Unsere Aufgabe als Architekten sollte sein, unsere heutige Zeit mit dem Wissen der Geschichte zu deuten (so gut es eben geht) und angemessen darauf reagieren.
In diesem Zusammenhang halte ich die Rekonstruktion der Bauakademie für fragwürdig. Sie entstand in einem engen zeitlichen Kontext, der so heute nicht mehr gegeben ist.
Mir ist auch klar, dass solche Debatten an den meisten Menschen vorübergehen - jeder hat nun mal seine eigenen Sorgen und Fachgebiete, zu denen ich nichts sagen kann. Aber wenn man sich schon mit Architektur beschäftigt, sollte man bei einer Diskussion wie dieser die Vielschichtigkeit von Architektur nicht außer Acht lassen.
Den Satz der Identität des Ortes finde ich da beachtenswerter und gerade aus diesem Grund den jetzigen Zustand katastrophal. Aber könnte ein Neubau nicht eine neue Identität schaffen? Das ist doch einer der Hauptstreitpunkte - ich bin der Meinung, man solle wenigstens den ernsthaften Versuch unternehmen.
Wer weiß übrigens - wie würde sich Schinkel heute entscheiden, wenn es um sein eigenes Bauwerk geht? Wer weiß das schon? Du verfrachtest Schinkels Geist kontextlos in die Gegenwart. Ich meine, was soll das? In der Zwischenzeit ist 'ne Menge passiert.
Schinkel würde dies sicherlich in seine Überlegungen einbeziehen. Aber ich will hier Schinkel nicht für meine Vorstellungen instrumentalisieren, wie du es tust. Vielleicht würde Schinkel auch an dieser Stelle gerne eine Kaufland-Filiale hinbasteln, weil er das für das Nonplusultra der Modernität hielte?
Wir wissen es nicht.
Da würde ich entgegenhalten, dass du Schinkels Gebäude kontextlos (zeitlich) in die Gegenwart verfrachtest und dabei versuchst, davor alles, was an dem Gebäude neben der reinen Materialität anhaftet (also Schinkels Entwurfsgedanken), abstreifst. Ich bezweifle erstens, dass das möglich ist und zweitens, sollte es ohne weiteres gehen, ist das Ergebnis eben ein "Gebäudezombie".
Dabei würde ich strikt Rekonstruktion von Denkmalpflege trennen (die Charta von Venedig sagt auch nicht explizit etwas über komplette Rekonstruktion aus). Rekonstruktion in der Architektur ist meines Erachtens immer bewertend, Denkmalpflege beschreibend.
Übrigens hat Schinkel Kaufläden in der ersten Etage eingeplant, damit die Bauakademie finanziert werden konnte. Und nein, ich bin nicht für eine Kaufland-Filiale an diesem Standort.
Camondo kenne ich nicht, klingt aber spannend