Museumsinsel und Erweiterungsbauten (James-Simon-Galerie)

  • Das hätte man aber auch zu Zeiten der Gotik deutlich simpler haben können. Dazu muss man sich nur mal gotische Kirchen abseits der riesigen Kathedralen anschauen. Dort finden sich ganz schlichte Beispiele gotischer Baukunst die sich reichere Städte so trotz ähnlichem baulichen Grundverständnis niemals hingesetzt hätten. So zu tun, als sein jedes Detail an einer gotischen Kirche eine bauliche Notwendigkeit und damit ein legitimes Vorbild für die bewusste Ornamentlosigkeit der Moderne, halte ich für Unfug.

  • Wir kommen jetzt wirklich vom Thema ab. Es ging ja um die Museumsinsel und das Neue Museum - nicht um die Modernität (dieser Begriff kann so vieles bedeuten) der Gotik oder Schinkels. Der eine meint, dass einjeder Stil mal in seiner Zeit modern war der andere den Baustil "Klassische Moderne".


    Mir wollte noch jemand erklären, warum man bei der Instandsetzung eines unter Denkmalschutz stehenden Museums nicht einen Raum wieder original bauen darf, sondern dies "fundamentalistisch ist".

  • @ Saxonia
    simpler geht nicht, es ist das Prinzip der Gotik, quasi die Grundfesten. Und es hat überhaupt nichts mit der Größe einer Stadt zu tun. Es ist reine Mathematik.


    @ Konstantin
    Ich glaube der Vorwurf des Fundamentalismus an dich bezog sich nicht auf deinen Wunsch einen einzigen Saal im Museum in der originalen Farbfassung rekonstruiert zu sehen (was ich sogar ganz interessant gefunden hätte) sondern auf deine generelle Haltung. So ähnlich wie ich hier für einen Ultralinken gehalten werde nur weil ich die ollen Hohenzollern nicht leiden kann. Grähm dich also nicht zu sehr ;)

  • ^ Was meinte ich also mit fundamentalistisch?


    Ich sehe bei Dir häufig eine grundsätzliche Kritik an einem sehr hohen Prozentsatz der Bauwerke in der Stadt. Eine sehr einseitige, kategorische, undifferenzierte und harsche Kritik, mit der vieles überzogen wird. Dabei kann ich keinen Leitgedanken mehr erkennen, der realitätsnah ist, sondern eine utopische Haltung. Und genau das würde ich als fundamentalistisch bezeichnen. Zynismus ist natürlich auch jede Menge dabei - keine Frage.


    Ich finde das etwas schade, da ich Deine Sachkenntnis schätze und vom Standpunkt oft nahe bei Dir bin. An dieser Stelle musste ich mich äußern, da ich Cipperfield sehr schätze und es für eine große Bereicherung halte, dass er sich in Berlin so stark engagiert. Dabei gelingt es ihm m.E. sehr gut den Charakter Alt-Berliner Bauens aufzunehen und historische Gebäude zu ergänzen. Er zeigt dabei hohen Respekt für die alten Baumeister. Ein rekonstruktives Vorgehen ist m.E. natürlich eine sehr gute Alternative. Man muss sich aber in jedem einzelnen Fall entscheiden. Beim Neuen Museum war die Entscheidung denke ich richtig. Insbesondere weil Stüler für eine Sammlung gebaut hat, die heute völlig anders aussieht und die Säle nicht mehr zu den Exponaten gepasst hätten. Außerdem wurde Originalsubstanz wie bemalte Tapeten aufwendig restauriert und man kann Stülers Museumspädagogik noch sehr gut nachvollziehen.


    Nebenbei finde ich den Vorwurf des Fundamentalismus in Architekturfragen nicht so schwerwiegend. Natürlich bezog er sich nich auf "einen Raum". Der hätte Dich wohl auch kaum zum Fan des Chipperfield-Baus gemacht, sondern zu noch größeren Krokodilstränen geführt, oder? ;)

  • Also der erste Entwurf Chipperfields für die James-Simon-Galerie war ja nun nicht so dolle und zum Glück gab es engagierte Bürger, die lautstark gegen diesen Entwurf protestierten und ihn damit verhinderten. Waren das Fundamentalisten? Ich denke nein, denn sonst könnte man das Argument einfach umdrehen und die fundamentalistische Gesinnung bei denen suchen, die auch an historisch-ästhetisch ungeeigneten Orten (Weltkulturerbe) ihre Glas-Stahl-Agenda umsetzen wollen ...



    Bild: David Chipperfield Architects

  • ^^Erstens äußere ich mich fast ausschliesslich zu historischen Bauwerken in der Kernstadt, das ist - angesichts des Neubaus in Berlin - ja keinesfalls ein "sehr hoher Prozentsatz" des Bauens in Berlin sondern eine verschwindend kleiner, nichtsdestotrotz wichtiger Teil.


    Ich kann auch in meiner Haltung weder etwas Fundamentalistisches noch Utopisches entdecken. Chipperfield hat auch gute Häuser gebaut, im Falle des Neuen Museums ist dies eben - gut begründet - aus meiner Sicht nicht der Fall. Wir müssen in diesem Punkt ja nicht zu einem Konsens kommen, es geht darum die Meinungen auszutauschen und ggf. die anderen zu akzeptieren.


    Mit Details wie der Tatsache, dass Ch. aus ästhetischen Gründen mitunter sogar Original-Substanz vernichtet und pseudokaputt-verblasst nachgemalt hat, damit seine wilde Geschichtskollage stimmt, ist der grundsätzlichen Kritik an dem Chippie-Ansatz nicht beizukommen. Aber vielleicht lebst Du einfach damit, dass wir hier anderer Meinung sind.

  • @Eisber etc.


    Ich wollte nur darlegen, dass viele Generationen vor uns ebenfalls die Geschichte "verfälscht" haben.


    Beispiel der Antiken Köpfe auf neuen Marmorbüsten, die etwas darstellen, was es nie gab, einfach der Phantasie des Künstlers und den Erkenntnissen der Epoche entsprungen.


    Durch eine gute textliche Information lernt man heute zweierlei Dinge an diesen Objekten:
    1. die Gestaltung in der Antike (Kopf)
    2. deren Interpretation im 18./19. Jhdt. (Büste)


    und heute bilden Sie ein Gesamtkunstwerk.


    So sehe ich auch das Neue Museum: Es ist ein Ausdruck unserer Zeit, an dem man trotzdem den Geist Stülers überall spüren und nachvollziehen kann.


    Ob einem dies immer so gefällt steht auf einem anderen Blatt.
    Ich würde auch einmal gern die Originalversion des Museums durchschreiten, aber das möchte ich auch im Rom Caesars oder mal die Akropolis in Original.(aber wollen wir die extra dafür nachbauen?)

  • Aber seien wir mal ehrlich. Was ist eindrücklicher, ein haptisch erfahrbares Objekt wie ein begehbares Gebäude, dessen Oberflächen man auch mit den Händen hier und da berührt sowie ein ausgestelltes und effektvoll angeleuchtetes Artefakt (und beide vermitteln das hergebrachte Bild der antiken Ästhetik) oder irgend eine Texttafel, die im Zweifel die Masse der Durchschlenderten eh nur aus dem Augenwinkel bemerkt, aber nicht eingängig studiert (dazu geht man ja auch nicht in ein Museum, ist zur Verteidigung der Museumsbesucher hier anzumerken, lesen kann ich auch daheim im Netz).


    Es hat ja seine Gründe, dass zwar bereits im 19. Jh. erste Thesen zu einem ganz anderen Aussehen der Antike aufkamen (ich mutmaße, dass auch Stüler das schon wusste und entsprechend sein Museum gestaltete), dennoch das Antikenbild so falsch in den Köpfen verankert ist und auch an den Schulen weiterhin verfestigt wird, obwohl ein technisch unbestreitbares Meß- und Forschungsergebnis nach dem anderen das komplette Gegenteil belegt!? Flächendeckend knallige Farben, dazwischen glitzernde Ornamente und Verzierungen aus glänzend polierten Edelmetallen sowie "lebensnah angemalte" Figuren (mit roten Lippen, Pupillen, Augenbrauen, usw.).


    Und ich wage die Behauptung, würde man wirklich originalgetreu, nach neuesten Erkenntnissen zB als Museumsdorf rekonstruieren, wie die ägyptische, griechische oder römische Antike aussah, dem teutschen Bildungsbürger würde doch vor Schreck das Monokel herunterfallen. Und genau das würde solch ein Museum mal herausheben und wirklich fortbilden und aufklären.

  • Also mir fällt da das Monokel nicht runter, im übrigen hängt es ja für solche Fälle an einer Kette.


    Kennt jemand eine Visu (wie Bato immer so schön schreibt), die den Sichtbetonbau von Chippie und das Unger-Eingangsportal für das Pergamonmuseum gemeinsam zeigt. Statt der verbindenden Kolonnade von Messer müssten die Gebäude jetzt optisch ziemlich auseinanderstreben...

  • Jau, alle drei betonen die Vertikale (das wäre das Gemeinsame), variieren aber in Höhe und Abstand der vertikalen Elemente und im Material –
    was m.E. einen rhythmisch interessanten Effekt ergibt. Auch der recht wuchtige Sockel des Pergamonmuseums findet sich bei der James-Simon-Galerie wieder. Welche selbst nun aber im Vergleich zum Museum sehr leicht wirkt und damit wiederum einen Kontrast setzt.


    Der langen Rede kurzer Sinn: Was die Visus angeht (Danke für das neue Wort, Bato!), gefällts mir prima. Zum Ergebnis mag ich erst etwas sagen, wenn es da ist – denn Visu und Wirkli haben bekanntlich häufig wenig miteinander zu tun... :)

  • Ich bin kein Fan des Verbindungsbaus. Es ist schade, dass damit die monumentale Raumwirkung des Hofs, die das Pergamonmuseum architektonisch zu dem macht was es ist, völlig verloren geht. Mit der Herstellung des Verbindungsbaus wird das Gebäude die Außenwirkung so ziemlich komplett eingebüßt haben und es bleibt ein vergleichsweise langweiliger, der Funktionalität unterworfener Kasten. Durch die Visualisierung in der Vogelperspektive wird kaum deutlich, dass der kleine Zwischenbau das architektonische Konzept komplett verwirft. Das hätte der Denkmalschutz nie durchwinken dürfen.

  • Dem lässt sich kaum widersprechen.


    Zudem glaube ich nicht, dass alle Gebäudeteile - wie auf den Illus insinuiert - den gleichen Sandsteinfarbton haben werden. Ich fürchte die Platten beim Unger und der "Sichtbeton mit hochwertigen Zuschlagstoffen" werden ganz anders aussehen.


    Die waagerechten Sockelfenster (Klo- oder Lagerbelichtung) sind zudem wirklich daneben.

  • Ich habe Sichtbeton in unseren Breiten noch nie schön, im Sinne der sog. Patina, altern sehen. Er wird üblicherweise einfach nur mit der Zeit immer schmutziger (die "cleane" Architektur unserer Zeit hält ihre Versprechen eben nur auf Visus und maximal am Eröffnungstag, ein deutscher Winter später ist der "Lack ab"). Aber vielleicht bringen "hochwertige Zuschlagstoffe" ja die Wende.

  • Ich bin kein Fan des Verbindungsbaus. Es ist schade, dass damit die monumentale Raumwirkung des Hofs, die das Pergamonmuseum architektonisch zu dem macht was es ist, völlig verloren geht. Mit der Herstellung des Verbindungsbaus wird das Gebäude die Außenwirkung so ziemlich komplett eingebüßt haben und es bleibt ein vergleichsweise langweiliger, der Funktionalität unterworfener Kasten.


    Das sehe ich auch so - zumal sich der Formalismus des verstorbenen O. M. Ungers meiner Meinung nach grundsätzlich denkbar schlecht für Ergänzungsbauten eignet.


    Ich habe nie ganz verstanden, warum die Verbindung von Nord- und Südflügel des Pergamonmuseums (und dadurch die Schaffung eines Rundgangs) nicht unterirdisch erfolgen konnte, so dass das grandose Entrée des Pergamons weiter vom Kupfergraben aus sichtbar gelieben wäre. Die dann entstandene Kreuzung mit der "Archäologischen Promenade" dürfte doch eigentlich nicht das Problem gewesen sein.

  • Visus? Biddeschön


    Also ich persönlich bin ja fassungslos, wenn ich das sehe. Jetzt zerstört man nicht nur historische Potenzen, sondern sogar Realitäten. Daß man hier und da nicht historisch wiederaufbaut, damit kann ich ja leben (wie z.B. Schinkelplatz). Aber jetzt zerstört man (symbolisch) solch einen grandiosen Schatz wie das Pergamonmuseum. Das ist für mich unfaßbar. Mit dem Neuen Museum kann ich leben.


    Aber dieser mangelnde Respekt vor solch einem intakten Klassiker wie dem Pergamonmuseum ist wirklich bizarr.


    Ich persönlich finde Kontraste an sich ja gut. Aber was ist in unsere Verantwortlichen gefahren, daß sie diesem Kontrast und dem bißchen mehr Funktionalität dieses historische Entrée opfern? Hat sich die Unesco schon gemeldet? :)


    Das ist wirklich Kulturfrevel, daß so wenig Sensibilität bei den Verantwortlichen vorhanden ist. Das kapiere doch selbst ich als Laie, daß diese Eingangssituation nicht verhandelbar ist. In jeder Stadt der Welt nicht, aber erst recht in Berlin, wo wir um das wenige Erhaltene froh sein müßten. Da müssen doch irgendwelche Experten ihre Stimme erheben.

  • Der Verbindungsbau soll doch nur die ursprünglichen Planungen mit moderner Formensprache vollenden. Die offene Eingangssituation war meines Wissens vom Ursprungsarchitekten nie vorgesehen, sondern der Hof sollte durch einen Säulengang eingefasst werden..... aber die gesamte Diskussion ist hier im strang schon einmal durchgekaut worden.