Eigentumswohnungen vs. Mietwohnungen

  • Bezieht sich hierauf


    ^ Spannende Ansicht, die ich auf den ersten Blick nicht teile. Kannst du deine Punkte in Lounge vielleicht ausführlicher darlegen? Autnomie, Eigenverantworung, Verbundenheit mit der städtischen Gesellschaft und dem Staat?

  • Nur diese Wohnform garantiert Autonomie, ökonomische Eigenverantwortung und Verbundenheit mit der städtischen Gesellschaft und dem Staat insgesamt.

    Was hast Du gegen Mieter? Ich bin Mieter, also in Deiner Lesart fremdbestimmt, verantwortungsscheu, gleichgültig gegenüber der Stadt und ein Staatsbürger 2. Klasse. Ernsthaft?


    Mal ganz abgesehen davon, dass Du damit alle vor den Kopf stößt, die sich Wohneigentum nicht leisten können. Und die ganze Cum-Ex-Blase (von denen garantiert keiner zur Miete wohnt) zu garantiert guten Staatsbürgern erklärst - denn Eigentum garantiert ja Verantwortung und Verbundenheit mit Staat und Gesellschaft.


    Ich schätze Deine Beiträge meist sehr. Aber das hier regt mich auf. Sorry.

    2 Mal editiert, zuletzt von Architektenkind () aus folgendem Grund: Habe die Formulierung etwas angepasst, weil ich dem Roten Rathaus Dinge in den Mund gelegt hatte. War keine Absicht, sondern meinem Ärger geschuldet. Er hatte Mieter nicht für "minderwertig" erklärt.

  • ^ ganz unrecht hat er aber nicht (und das sage ich als Mieter)


    Mehrfamilienhäuser mit überwiegend oder sogar 100% Eigentumswohnungen sind im Schnitt ordentlicher und besser in Schuss. Davon abgesehen lese ich bei ihm nichts von minderwertig, aber wem etwas gehört, oder wer finanziell durch Kredite an etwas langfristig gebunden ist, achtet mehr auf sein Eigentum und dadurch auch mehr auf die Nachbarn/Nachbarschaft. Das heißt nicht, dass das Mieter zu einem gewissen Grad nicht auch machen, aber ich denke, wer alle 4-5 Jahre umzieht hat wirklich weniger Bindung zu seinem Wohnort.


    Dass es vielen Menschen unmöglich ist, Eigentum zu erwerben und wie unfair das sein kann, steht auf einem anderen Blatt.


    Davon abgesehen wären aber beide Entwürfe toll gewesen, beide anspruchsvoll und schön anzuschauen, die Nutzungsänderung hat sich also zumindest nicht negativ auf die Gestaltung ausgewirkt.

  • ^ Wie kommst Du darauf, dass Mieter grundsätzlich alle vier bis fünf Jahre umziehen? Gerade wer einen alten Mietvertrag in Berlin hat, wird einen Teufel tun. Ich bin in den letzten 25 Jahren genau zweimal umgezogen. Und auch Wohneigentum kann man verkaufen. Im übrigen ist das - sicher oft richtige - Argument, dass man als Mieter pfleglicher mit der Substanz umgeht, kein Argument dafür, dass man ein besserer Staatsbürger sei. Ich erinnere an die NIMBYs, die über Jahrzehnte den Ausbau der Dresdner Bahn verhindert haben, weil sie Wertverlust für ihre Immobilien befürchteten. Ökonomisch nachvollziehbar, ja - dem Gemeinwohl verpflichtet, eher nicht.


    Mein Problem ist die moralische und politische Hierarchisierung, die mit dieser Argumentation einhergeht. Auf dieser Basis kann man soziale Segregation verteidigen (keine Mietwohnungen mit verantwortungslosen Subjekten in Innenstädten!) oder sogar ein Zwei-Klassen-Wahlrecht (nur wer ökonomisch autonom und eigentverantwortlich ist, hat die staatsbürgerliche Reife, das volle Stimmrecht auszuüben).


    Ich bin sicher, darauf will Rotes Rathaus nicht hinaus. Das will ich nicht unterstellen. Aber das sind die Implikationen, die in solchen Argumenten stecken. Gerade, wenn man nicht von einer Tendenz spricht, sondern von einer "Garantie".


    P.S.: Gerd Kommer, "ETF-Papst" und mit Sicherheit Millionär, wohnt übrigens zur Miete - er argumentiert, dass es für die meisten Normalverdiener im Sinne der ökonomischen Unabhängigkeit viel sinnvoller sei, zur Miete zu wohnen und sein Geld statt in Hauskredite in Aktienfonds zu investieren. Ich erlaube mir da kein Urteil, aber diese Position gibt es auch.

  • Mehrfamilienhäuser mit überwiegend oder sogar 100% Eigentumswohnungen sind im Schnitt ordentlicher und besser in Schuss.

    Nachtrag: Das liegt nicht selten daran, dass die Hausbesitzer nur das nötigste in den Erhalt stecken und sich Schönheitsreparaturen sparen. Ist bei mir auch so, und der Eigentümer ist die WBM. Risse im Hausflur entstehen nicht durch mangelndes Verantwortungsbewusstsein der Mieter. Sondern, weil das Gebäude sich setzt.

  • Wo habe ich gesagt, dass "Mieter grundsätzlich alle 4-5 Jahre umziehen? Ich habe gesagt, dass ich denke, wer alle 4-5 Jahre umzieht, weniger Bindung zu seinem Wohnort hat und daher weniger auf die Wohnung, das Gebäude, oder die Nachbarschaft achtet.

    Das liegt nicht selten daran, dass die Hausbesitzer nur das nötigste in den Erhalt stecken und sich Schönheitsreparaturen sparen.

    Das kommt ja noch dazu, spräche in meinen Augen dann aber auch mehr für (selbstbewohntes) Eigentum.


    Meine Eltern wohnen in einem von drei Baugleichen Wohnblöcken aus den 60ern. Links gemischt, Mitte Eigentum, rechts reine Mietwohnungen und das kann man am Garten, den Balkonen und der Fassade ablesen.


    Was die Argumentationskette "Eigentum ist aus XYZ besser" zu "Zweiklassenwahlrecht" angeht, ist das aber auch die Extremstauslegung einer (wahrscheinlichen) Theorie und wirkt auf mich wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.



    Nachdem ich aber gerade nochmal die Beiträge durchgelesen habe, bin ich mir generell nicht mehr sicher, ob es Camondo überhaupt um Eigentumswohnungen ging, oder ob ihm die Gegend nicht generell zu viel Wohnraum hatte und er eher die neue Nutzung für Künstler begrüßt, die die Gegend beleben.

  • Natürlich habe ich nichts gegen Mieter, das wäre ja Unsinn.


    Ich denke wir sollten die Diskussion nicht weiter aufziehen. Bewohner von Eigentumswohnungen zu verunglimpfen, die ein Garant sind für Verbundenheit, finanzielle Selbstständigkeit und Beteiligung an der Gemeinschaft und gleichzeitig unabhängig sind von Vermietern - aber umso abhängiger vom Staat, zu dem sie sich mit einer solchen Investition bekennen, finde ich aber nicht in Ordnung.


    Für Berlin wäre es gut, wenn viel mehr Menschen ihre Wohnung kaufen könnten.

  • Was die Argumentationskette "Eigentum ist aus XYZ besser" zu "Zweiklassenwahlrecht" angeht, ist das aber auch die Extremstauslegung einer (wahrscheinlichen) Theorie und wirkt auf mich wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.

    Die erwähnte Theorie ist der libertäre Versuch - z.B. von Leuten wie Elon Musk oder Peter Thiel -, aus einer Staatsbürger-Demokratie eine Besitzbürger-Oligarchie zu machen. Ich hab ja explizit geschrieben - und betone es nochmals -, dass ich dem Kollegen Rathaus nichts in der Richtung unterstelle. Es gibt dennoch einen Unterschied zwischen einerseits: "Eigentum ist besser, dann kann einem nicht wegen Eigenbedarf gekündigt werden" (damit bin ich einverstanden) und andererseits: "Der Eigentümer ist besser, denn ihm ist eine staatsbürgerliche Verbundenheit garantiert, die Mietern verwehrt ist" (das finde ich hoch bedenklich).


    (Kann alles in die Lounge oder weg. Wollte hier eigentlich nie wieder politisch werden. Fühle mich grad nicht sonderlich wohl angesichts der Weltlage und war vorhin richtig angefasst. Sorry.)

  • Bewohner von Eigentumswohnungen zu verunglimpfen, die ein Garant sind für Verbundenheit, finanzielle Selbstständigkeit und Beteiligung an der Gemeinschaft und gleichzeitig unabhängig sind von Vermietern

    Das hat sich überschnitten, nochmal sorry. Ich habe nichts gegen Eigentümer, einige meiner besten Freunde sind Eigentümer. Meine Eltern und Geschwister auch. Ich weiß bloß nicht, warum sie Garanten für irgendwas sein sollten. Es sind halt bloß Leute, die sich eine eigene Wohnung leisten können und wollen.

  • ^ Irgendwie gehen die ideologischen Reflexe zu weit.


    Wer Wohneigentum besitzt, welches bekanntlich immens teuer ist, hat sich in der Regel für eine enorme Anstrengung entschieden, die durchaus Konsumverzicht einschließt. Der Staat greift dabei nicht nur kräftig zu, sondern erhält auch eine Absicherung für das Alter des Eigentümers. ZB falls dieser später pflegebedürftig wird. Natürlich gibt es noch viel mehr Implikationen, fast alle sind positiv für die Gemeinschaft.


    Ich persönlich würde Mieten oder Kaufen, je nachdem was gerade mehr Sinn für mich macht. Ist doch klar. ZB lieber Mieten und Geld in amerikanische Aktien stecken- oder was weiß ich.

  • ^ Ja. Ich steig an dieser Stelle aus und nehme mal wieder eine Foren-Auszeit.


    Finde immer noch, dass Du Eigentum moralisch überhöhst - auch als Mieter zahle ich anteilig Grundsteuer und als ETF-Anleger Kapitalertragsteuer. Außerdem sorge ich selbst für's Alter vor, auch ohne eigene Wohnung. Und ich werfe niemandem, der sich das nicht leisten kann, vor, deshalb ein schlechterer Bürger zu sein.


    Aber na gut, dann sind wir uns halt einig, uneinig zu sein. Außerdem gehört das nicht in diesen Strang. Bis Mai, dann!

  • Der Begriff "Eigentumswohnung" ist doch ein Kampfbegriff.


    Schliesslich ist jede Wohnung Eigentum. Wenn ein Haus mit sogenannten Eigentumswohnungen gebaut werden, werden diese doch oft auch vermietet, bzw sie werden vermietet, nachdem die Eigentümer nach ein paar Jahren ausziehen (Umzug, Kinder, Kinder aus dem Haus etc).


    Was allgemein als "Eigentumswohnung" bezeichnet wird, sind nur Häuser, die nicht einem Mensch oder einer Firma gehören, sondern deren Einheiten auf mehrere Eigentümer aufgeteilt sind. That's all. In der Regel gehen diese schnell in den Mietmarkt über.


    Und ehrlich gesagt, lebe ich lieber in einer Welt, in der viele Menschen etwas weniger (kleinere Einheiten) besitzen, als wenige Menschen viel (ganze Häuser). ;)

  • Ich möchte noch ganz verkürzt meinen Beitrag zum Thema schreiben:

    Das Gesetz über das Wohnungseigentum und das Dauerwohnrecht (Wohnungseigentumsgesetz - WEG) gibt es erst seit den 50er Jahren. Vorher gab es keine rechtliche Fassung für den Besitz einer Eigentumswohnung und in der Praxis auch praktisch nirgendwo dieses Modell. Auch im bürgerlichen Stand lebte man durchaus "gut" in einer Mietwohnung. Ich kann nicht erkennen, an welcher Stelle sich unsere Städte oder unsere Verbundenheit mit der demokratischen Gesellschaft durch die Einführung des WEG verändert haben und habe hier auch keine stichhaltigen Argumente gelesen. Vielleicht hat beides nichts miteinander zu tun.

  • Das Eröffnungspostulat "Nur diese Wohnform garantiert Autonomie, ökonomische Eigenverantwortung und Verbundenheit mit der städtischen Gesellschaft und dem Staat insgesamt." kann ich im Grunde nachvollziehen.

    Hier zeigt sich die passive Seite, die "Pull"-Seite von "Eigentum verpflichtet", denn Eigentum fordert auch heraus und verlangt Engagement:


    Wir wohnen in einem Haus, dessen Wohnfläche in Eigentumswohnungen aufgeteilt ist, und grob gesagt kann man verallgemeinern: Die Mieter sind tendenziell eher die Problemverusacher, die Eigentümer jene, die sie lösen. Das ist stark verallgemeinert, aber dem Grunde nach richtig. Was regelt der Mieter schon mit der Firma, die einen Wasserschaden im Keller beseitigen soll, mit dem Müllmanagement oder der Hausreinigung. Er bezahlt ja dafür durch die Nebenkosten, woraus oft abgleitet wird, dass sich jemand anderes drum kümmern muss.

    Weitergedacht sind es auch die Eigentümer, die in der WEG tätig werden und Beschlüsse fassen. Von dort ist es nicht mehr weit zu den nötigen Kontakten zu Fachfirmen und der Kommunalverwaltung, über die Hausverwaltung wird man über Gesetzesvorhaben oft direkt informiert, man ist womöglich in "Haus und Grund" organisiert. An den Mietern gehen diese Themen eigentlich immer spurlos vorüber.


    Natürlich ist das alles stark verallgemeinert und im Einzelfall wird mein Meinung dazu ungerecht sein. In einem reinen Mietshaus gibt es ebenso diejenigen, die sich über Gebühr engagieren und Dinge in Ordnung halten, genauso wie es anderswo Eigentümer gibt, denen alles egal ist.


    Aber der These, dass Eigentum zu Mitverantwortung führt, und dies wiederum zu mehr Interesse und Einsatz in der Sache führt, würde ich zustimmen.

  • Eigentumswohnung oder Sondereigentum ist kein Kampfbegriff, sondern ein sachenrechtlicher Terminus. Durch die Einführung des WEG natürlich nicht, aber dadurch, dass die Preise für ETW in einem von Knappheit an Wohnungen gerpägten Markt enorm gestiegen sind, erreicht die Logik von Zins und Tilgung den Mietmarkt, wenn die ETW dem Zweck der Vermögenanlage dient und nicht der Selbstnutzung durch den Eigentümer. Es gilt als gesichert, dass die Umwandlung von Mietshäusern in ETW und deren Abverkauf die Mieten steigen lässt. Das Geschäftsmodell der Umwandlung war sehr lukrativ; weshalb die Umwandlung unter bestimmten Voraussetzungen unter einen Genehmigungsvorbhalt gestellt werden kann (im Geltungsbereich von Milieuschutzsatzung nach § 172 BauGB oder nach § 250 BauGB. Das gilt natürlich nicht für Neubauten, die schon als ETW errichtet werden.


    In Berlin ist die Begründung von Wohnungseigentum dadurch praktisch zum Erliegen gekommen, ohne dass sich der Mietmarkt dadurch entspannt hätte. In diesem Kontext ist der Begriff "Eigentumswohnung" sicherlich politisiert worden.


    Es gibt keine genauen Zahlen über den Bestand an ETW, aber durch den Umstand einer geringen Eigentümerquote (= Zahl der Wohnungen, die vom Eigentümer selbst bewohnt werden), die in Berlin bei rd. 16% liegt, in Frankfurt etwas über 20%, ist durchaus die Aussage zulässig, dass die meisten ETW Mietwohnungen sind.

  • ^

    Richtig, es gibt einen enormen Unterschied zwischen denjenigen Eigentümern, die ihre (eine eigene) Wohnung selbst bewohnen und solchen Eigentümern, die mehrere Wohnungen und Häuser besitzen, die sie am Mietmarkt anbieten. Ich würde daher auch nicht unterscheiden zwischen dem Privatmann, der das mit ein paar Wohnungen oder Häusern tut, oder großen Wohnungsbaugesellschaften. Diese gehören zum für mich zum Mietmarkt, denn jeder Mieter hat auch einen Vermieter, das Eine bedingt das Andere. Nur selbstnutzende Eigentümer haben weder das eine noch das andere und bewegen sich in einer völlig anderen Realität.


    Zu Beginn der Ampel (oder war es noch die BReg davor?) gab es eine Initiative den Erwerb der ersten, eigenen Wohnung, welche i.d.R. die selbst bewohnte Wohnung ist, besonders zu fördern. Das fand ich damals absolut richtig, ist allerdings versandet.

  • ^ Es gibt immernoch das Förderprogramm Jung kauft Alt, was den Erwerb von Eigentum fördert (mit der sinnvollen Verknüpfung sich eine Bestandimmobilie zu kaufen), es kommt wohl nur nicht so recht an, habe ich gelesen.


    Ich kann mir schon vorstellen, dass es in der Theorie die Unterschiede, die ihr hier aufzählt gibt und sie klingen auch ganz logisch. Meine Erfahrung zeigt aber vor allem, dass Eigentumsimmobilien oft "besser" dastehen, weil es (mal mehr, mal weniger) Leute im Haus gibt, die das Thema interessiert. Andere sitzen in den WEG-Versammlungen und sagen kein Wort oder kommen einfach jahrelang gar nicht. Manche quatschen dort viel und rühren selbst keinen Finger. Man kann die ganze Arbeit ja einfach mit Geld bezahlen. Umgekehrt sieht man gerade in Berlin auch haufenweise Mieter, die vor "Ihren" Läden oder vor "Ihren" Häusern fegen, Beete pflanzen und auch Reparaturen (am fremden Eigentum) vornehmen. Ob das dann allen und vor allem dem Vermieter gefällt, steht auf einem anderen Blatt. Zu sehen ist es aber sogar in den unbürgerlichen Stadtteilen häufig.

    Als ich selber mal nach Eigentum gesucht habe, habe ich auch schon Protokolle von WEGs gelesen, in denen ein so schlechtes Miteinander herrschte, dass man sich auf keine Erhaltungsmaßnahmen einigen konnte. Es wurden dann vom Verwalter Zwangsmaßnahmen angedroht! Schwer vorstellbar, wenn es um den Erhalt oder gar die Aufwertung des Eigentums geht. Da möchte man als halbwegs engagierter Mensch dann auch kaum noch dazu ziehen...


    Ich bleibe noch dabei: Autonomie, ökonomische Eigenverantwortung und Verbundenheit mit der städtischen Gesellschaft und dem Staat insgesamt hängen für mich nicht am Besitz von Wohneigentum.