Reko vs moderner Neubau - Vom einen zu wenig, vom anderen zu viel?

  • Die sogenannten Vorstudien der Bundesstiftung halte ich für Testballons. Hier muss einfach der demokratische Prozess abgewartet werden.


    Ich erinnere in diesem Zusammenhang gerne an den Versuch, das damals ebenfalls bereits demokratisch beschlossene Einheitsdenkmal zu torpedieren, indem der untergeordnete Wirtschaftsausschuss viel Geld für die Rekonstruktion des Nationaldenkmals bereit gestellt hat. Sowas ist also auch keine links-grüne Spezialität.

    Selbst wenn man Testballons loslassen möchte, dann sollte man aber doch etwas mehr Mühe investieren. So macht man in der Breite der Gesellschaft jedenfalls bestimmt keine positive Stimmung für moderne Ansätze an dem Standort. Und Demokratie schert diese Stiftung doch ohnehin nicht. Es gibt längst einen demokratischen Beschluss und eine ermittelte Mehrheit...


    Der Querverweis ist sicher berechtigt. Rückblickend war das genau so ein Quatsch ohne eine Legitimation.

  • Baukörper: Ich bin beeindruckt, wie du es schaffst, dass ich jeden einzelnen Satz deiner Kommentare anders sehe. Aber gut ist, dass du klar formulierst und man somit die verschiedenen Positionen gut herausschälen kann. Im Grunde geht es hier auch um das Wesen der Kunst.


    Dennoch, und hier muss ich dir und Ziegel klar widersprechen, greift es zu kurz, nur die Gebäude zu sehen und nicht die Geschichte dahinter.

    Ich habe in meinem Kommentar deutlich geschrieben, dass die Geschichte nicht eindimensional ist und viele, auch widersprüchliche Facetten aufweist. Das macht es auch spannend (Ich habe Geschichte studiert), daher bin ich immer dafür zu haben, "die Geschichte dahinter" zu beleuchten. Das Gebäude selbst bzw. der Entwurf darf aber auch als autonomes Kunstwerk wahrgenommen und gewürdigt werden.


    Die andere Seite sagt: das Gebäude mag äusserlich schön sein, wurde aber mit Blut und Tränen gezahlt, Rekonstruktionen sind daher zu vermeiden

    Auch Mozart wurde von gekrönten Häuptern bezahlt. Sollte man seine Werke deshalb nicht mehr aufführen? Ist es nicht eher so, dass Mozarts Werke inzwischen Allgemeingut sind und die Orchesterlandschaft durch demokratische Beschlüsse am Leben gehalten wird? Und ist es nicht seltsam, eine Rekonstruktion mit Verweis auf "Blut und Tränen" moralisch abzulehnen, obwohl sie demokratisch beschlossen, durch rechtsstaatlich eingetriebene Steuern und deren Fassade durch Spenden (!) finanziert wurde? Und ist es nicht umso seltsamer, dass diese Rekonstruktion nicht selten von Leuten abgelehnt wird, die gleichzeitig dem Palast der Republik nachtrauern und dabei möglicherweise dessen "Geschichte dahinter" ausblenden?


    Wenn wir bei der Pflege und der Wiederbelebung unseres Kulturerbes moralische Makellosigkeit zur Bedingung machen würden, hätten wir kein Kulturerbe mehr.


    Im Übrigen hätten wir dann gar nichts mehr, denn das ganze Wirtschaftssystem ist auch heute in ausbeuterische Machtverhältnisse verstrickt. Das betrifft ausnahmslos jeden Neubau. Die wirklich sehr um die Ecke gedachte, auf die Vergangenheit des Vorgängers bezogene Moralfrage, die hier gegen die Schlossfassaden vorgebracht wird, rutscht da völlig aus der Verhältnismäßigkeit.


    Bei der Bauakademie bleibt ja die Kontroverse mit den Fragen, wie würde Schinkel heute bauen oder soll wieder so gebaut werden wie Schinkel es tat.

    Die Rekonstruktion scheint hier der einfachere Weg (s.o.), ob es auch der bessere ist, bleibt dahingestellt.

    Kein Mensch lehnt die Aufführung einer Mozart-Oper ab, weil "Mozart heute nicht mehr so komponieren würde". Und ganz ehrlich: eine Mozart-Oper aufzuführen ist keineswegs einfacher als einen Pop-Hit zu singen. Und die Bauakademie zu rekonstruieren ist offensichtlich sehr viel schwieriger als einen neu entworfenen Bau dorthin zu setzen.


    Allen Umfragen zum Trotz, gehe ich auch davon aus, dass die weitaus größte Mehrheit die Bauakademie gar nicht kennt, schon gar nicht von früher, daher hilft dies der Legetimation nicht weiter.

    Auch hier wird wieder mit verschiedenen Maßstäben gemessen. Den neuen Entwurf, der aus einem Wettbewerb hervorgehen könnte, kennen genau null Menschen. Bemisst sich Legitimität nicht eher daran, ob die Entscheidung im Rahmen anerkannter Prozesse getroffen wurde? In der Demokratie ist das Mehrheitsprinzip nicht ganz unwichtig und wenn eine deutliche Mehrheit der repräsentativ Befragten sich für eine Reko ausspricht, aus welchen Gründen auch immer, sollte das zumindest Beachtung finden. Vor allem, da dies ja im Einklang mit der vorangegangenen Entscheidung der Volksvertreter steht.


    Dass die Schinkelsche Akademie so eine hohe Zustimmung erzielt, obwohl sie seit Jahrzehnten nicht mehr steht, spricht meiner Ansicht nach deutlich für sie. Qualität setzt sich durch.


    Es ist leider schwerer neue Wege zu finden und diese zu vermitteln und durchzusetzen, als bei Altem zu bleiben und einfach zu sagen, früher war eh alles besser.

    Früher war nicht alles besser, aber die Bauakademie war sehr gut und wird auch heute noch vermisst. Dass es schwer ist, neue Wege zu finden, die ebenso überzeugen, sieht man tatsächlich bei sehr vielen Bauwerken der letzten Jahrzehnte. Ein Missgriff wäre an diesem wichtigen Ort Berlins völlig unnötig, da mit der Schinkelschen Bauakademie ein weltbekannter, passgenauer Entwurf vorliegt. An den meisten anderen Orten ist dies nicht der Fall, sodass sich keine Rekonstruktionen anbieten. Dort findet das Ringen um neue Wege reichliche Betätigungsfelder.


    Tausende haben Millionen gespendet und doch nichts gemeinschaftliches geschaffen.

    Kannst du das belegen oder ist das dein persönliches Bauchgefühl?


    Mit 1,5 Mio. Besuchen ist das Humboldtforum auf Rang 6 der meistbesuchten Kulturinstitutionen Berlins. 4,4 von 5 Sternen hält es aktuell bei Google. Innerhalb kürzester Zeit hat es sich selbstverständlich in die Berliner Kulturlandschaft eingefügt und ist von der Ansichtskarte bis zum Instagram-Post kollektiv präsent. Und nach wie vor wird auch gespendet und zwar nicht wenig. Von welchem gänzlich neu entworfenen Gebäude kann man das sagen? Dieses Messen mit zweierlei Maßstäben ist es, was mich am meisten ärgert. Ich habe den deutlichen Eindruck, dass immer neue Anforderungen erhoben werden, die Rekonstruktionen erfüllen sollen, die für andere Neubauten aber nicht gelten. Und selbst wenn sich Rekonstruktionen als eierlegende Wollmilchsau herausstellen (was sie tun, weil sie eigentlich immer auf ganzer Linie erfolgreich sind), wird noch herumgestochert, ob man nicht doch irgendwelche Gegenargumente findet.

  • keine positive Stimmung für moderne Ansätze an dem Standort

    Ich habe mich ehrlich gesagt über die Vorstudie gefreut. Es waren sehr oft miese Entwürfe wie dieser, die Rekonstruktionsbefürwortern den größten Rückenwind gegeben haben.

  • Ziegel Das ist mE einerseits verständlich und andererseits doch etwas kurz gedacht.


    Du schreibst völlig korrekt von einer Qualität, welche die Bauakademie besitzt. Dann kann man mE auch selbstbewusst genug sein, dass sie sich mit richtig guten modernen Alternativentwürfen messen kann und dann trotzdem als beste Wahl für den Standort hervorgeht. Wenn sie gegen so etwas Unterirdisches antritt, ist das mE weit unter der Würde dieses genialen Entwurfes.


    Zudem schreibst Du ja selbst auch noch, dass anderswo keine Reko zur Alternative bereit steht. Wenn man schon an so einem Standort bei so einer bestehenden Alternative nichts abliefert, dann ist das mE ein (weiteres) fettes Armutszeugnis für die moderne Architektur. Und das kann einfach nicht gut sein, wenn ja wie gesagt weiter zu 98 Prozent modern gebaut wird.


    Verstehe mich nicht falsch: Für diesen Standort bevorzuge ich selbst auch die Reko und würde mich enorm freuen, wenn sie möglichst vollständig kommt. Aber ich war schon sehr gespannt auf die modernen Gegenentwürfe, die ja auch eine Inspiration für andere Projekte hätten darstellen können. Schon rein pragmatisch betrachtet darf man mE nicht darauf hoffen, dass moderne Architektur auf breiter Linie versagt und selbst unter besonderen Voraussetzungen nichts Ansprechendes und Überzeugendes hervorbringen kann und wir jetzt am besten eine Renaissance 2.0 einläuten wo wir wieder flächendeckend/inflationär irgendwas von früher kopieren müssen (womit es mE auch an Einzigartigkeit/Besonderheit und Wert verliert).


    Es gibt mE durchaus und auch in Berlin viele positive Beispiele, dass es nicht pauschal so schlecht um moderne Architektur bestellt ist. Aber das hier ist mE mindestens eine fette vertane Chance und so was kann ich nicht abfeiern, selbst wenn es in der Sache von der Gegenseite stammt.

  • Ziegel : Wieso eigentlich?

    Wenn man die Frage stellt, wie würde Schinkel heute an diesem Ort bauen, dann ist das doch ein ordentlicher Vorschlag.

    Im Vergleich zum Vorgänger fällt er natürlich stark ab, bzw. hat dann keine Chance auf Realisierung.

  • jan85 Naja, das ist natürlich ein philosophischer Ansatz, den man teilen kann. Aber in diesem Fall muss die Rekonstruktion nicht mehr gegen innovative Entwürfe antreten, weil die Entscheidung für den Schinkel-Entwurf bereits gefallen ist. Daher ist es nur noch eine politische Frage, wie man der Gruppe, die ihre Minderheiten-Meinung trotzdem durchsetzen will, möglichst effektiv das Wasser abgräbt.


    Durchaus möglich, dass in einem Wettbewerb, der ja noch bevorsteht, großartige, neue Entwürfe eingereicht würden. Die Vorstudie kann aber dazu beitragen, dass es dazu gar nicht kommt. Und das finde ich gut, weil es tausende Wettbewerbe gibt, bei denen sich die Architektenschaft austoben kann. Die Schinkelsche Bauakademie mit ihrer historischen und ästhetisch nicht wiederholbaren Bedeutung kann aber nur an diesem einen Ort wiederentstehen.


    Die Vorstudie (und das ist sie, kein fertiger Entwurf) ist natürlich trotzdem grotesk, weil sie die Bauakademie auf eine bloße Kubatur komprimiert. Es wird der größte Teil der Fenster durch ein Ziegel-Gitter verschattet, während gleichzeitig behauptet wird, die Schinkelschen Fenster ließen nicht genügend Licht ins Gebäude. Den Gebäude-Sockel zu entfernen, angeblich wegen der Barrierefreiheit, obwohl es im Originalbau einen bodengleichen Eingang gab, ist auch ein "Treppenwitz" von besonderem Humor. Die Vorstudie illustriert überdeutlich, dass "so wenig Schinkel wie möglich" die Zielrichtung war und das ist Rückenwind für alle, die auf "so viel Schinkel wie möglich" bestehen.

  • Wenn man die Frage stellt, wie würde Schinkel heute an diesem Ort bauen, dann ist das doch ein ordentlicher Vorschlag.

    Das kann man machen, aber es gilt eben der Grundsatz "Wo ein Körper ist, kann kein zweiter sein". Man muss sich entscheiden und es wurde entschieden. Und zwar für eine Rekonstruktion. Und das aus gutem Grund, weil dies der Ort eines einzigartigen Gebäudes ist, das Architekturgeschichte geschrieben hat und in höchstem Maß mit dem ebenfalls historischen, ebenfalls wiederaufgebauten Umfeld korrespondiert.


    Mit der Fragestellung "Wie würde Schinkel an diesem Ort bauen" kann man auch an jede andere Bauaufgabe an jedem anderen Bauplatz herangehen. Nur zu! Ich würde das gern sehen und mich freuen, wenn dabei auch eine zeitgenössische Interpretation der Schinkelschen Ornamentik nicht vergessen würde.

  • Vorab: Ich freue mich, dass sich hier ein schöner Streit um Argumente entwickelt und die üblichen Nickligkeiten trotz kontroverser Positionen weitgehend ausbleiben. Schick.

    Wenn wir bei der Pflege und der Wiederbelebung unseres Kulturerbes moralische Makellosigkeit zur Bedingung machen würden, hätten wir kein Kulturerbe mehr.

    Ich bin zwar skeptisch, ob man ein Kulturerbe wiederbeleben kann (denn Kultur ist immer an ihre Zeit geknüpft), aber sonst gebe ich Dir Recht. Walter Benjamin hat mal geschrieben: "Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne ein solches der Barbarei zu sein." Diese Spannung gilt es auszuhalten – in beide Richtungen. Die Rekofreunde sollten nicht vergessen, dass die Genese historischer Baukunst oft an Blut, Schweiß und Tränen gebunden war. Die Idealisierung vergangener Zeiten beruht auf Verdrängung ("Denn man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht"). Die Rekogegner hingegen sollten von ihrem hohen Ross herunter, wenn sie meinen, mit der Erinnerung an vergangenes Unrecht auch den kulturellen und ästhetischen Wert historischer Bauten verwerfen zu können.

    Kein Mensch lehnt die Aufführung einer Mozart-Oper ab, weil "Mozart heute nicht mehr so komponieren würde". Und ganz ehrlich: eine Mozart-Oper aufzuführen ist keineswegs einfacher als einen Pop-Hit zu singen.

    Stimmt. Aber dieses Argument ist schwieriger zu widerlegen, denn hier haben die Freunde einer "Neuinterpretation" durchaus einen Punkt: Der Schinkel'sche Geist war – gerade bei der Bauakademie – der technische und ästhetische Bruch mit herrschenden Konventionen. Das Gebäude hat damals (nicht nur) durch seinen Bezug zum Schloss provoziert. So hatte noch niemand gebaut. Der bessere Vergleich zur Musik wäre Beethoven: Man kann sich fragen, was der heute anstellen würde, um mit eingefahrenen Gewohnheiten zu brechen. Das Ergebnis wäre sicher keine "10. Symphonie", wie sie kürzlich von einer KI zusammengestückelt wurde, sondern etwas gänzlich anderes.


    Es ist also legitim, wenn man sagt, im Sinne Schinkels müsste ein neues Gebäude heute anders aussehen als das, welches er damals entworfen hat. Ich sehe nur nicht, wer so etwas in einer Form bewerkstelligen könnte, die entweder wirklich provokativ ist (statt nur langweilig) oder städtebaulich überzeugen könnte (am besten beides). Deshalb wünsche ich mir hier einfach die alte Bauakademie zurück – auch wenn sie ihren "disruptiven" Charakter längst eingebüßt hat und einfach nur noch gut aussieht. Bis zum Beweis des Gegenteils ist sie der passende Bau für diesen Ort.

  • Architektenkind Sehr schön ausgeführt. Da gehe ich komplett mit.


    Ziegel Ich denke, wir meinen in vielen Punkten das Gleiche. Ich will wie gesagt auch die Reko zurück und kein (ständig) neu ausgerolltes Verfahren. Dennoch hat mich der hehre Anspruch "Wie würde Schinkel heute bauen" neugierig auf die Ideen gemacht. Dass man dann aber nur den originalen (und genialen) Schinkel-Entwurf "abstrahiert" und mE vor allem reduziert und kastriert, bis nur noch eine flache Tapete davon übrig bleibt (und dazu noch eine hässliche, missproportionale): Das war dann schon ernüchternd.


    Und gerade WENN Du diesen Ansatz zumindest für andere Areale selbst reizvoll findest, kann das eigentlich ja auch nicht ganz in Deinem Sinne sein.