Potsdam: Garnisonkirche - Der Diskussionsthread
Ich habe mich mit dem baulichen Konzept für die Garnisonkirche beschäftigt, und ich bin der Meinung, dass dieses Konzept überhaupt nicht mit dem Nutzungskonzept harmoniert.
Laut dem Nutzungskonzept, das von der Kreissynode Potsdam am 8./9.4.2005 und von der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz am 15.4.2005 beschlossen wurde, sind in dem geplanten Zentrum für Frieden und Versöhnung folgende Nutzungen vorgesehen:
-Gottesdienste
-Vorträge und Seminare
-Ausstellungen und Workshops
-Kongresse, Konzerte, Foren, Festveranstaltungen
-Diskussionen und Podien
-Lesungen, Theateraudfführungen, Filmvorführungen
-Ausstellung zum 20. Juli 1944
-Archiv- und Dokumentationszentrum für Versöhnungsarbeit
-Versöhnungs-Training
http://www.evkirchepotsdam.de/…pt-der-garnisonkirche.pdf
Dieses Nutzungsprogramm ist sicher ein konstruktiver Diskussionsansatz. Kritikwürdig finde ich allerdings, dass die Ausstellung lediglich den Opfern des 20. Juli 1944 gedenken will. Für eine wirklich glaubwürdige Aufarbeitung der Geschichte wäre es nötig, auch die anderen Opfer des Naziregimes zu gedenken. Der schon mehrfach unterbreitete Vorschlag, hier die Ausstellung "Die Verbrechen der Wehrmacht" zu zeigen, wäre da sicher ein interessanter Ansatz.
Völlig unverständlich finde ich aber, welche Räumlichkeiten für diese Nutzungen vorgesehen sind.
Da gibt es zunächst einmal das Kirchenschiff, das nach dem Zustand von 1732 wiederhergestellt werden soll. Dieses Schiff bot damals rund 3000 Plätze. Das Problem dieses Raumes waren die schlechten Sichtverhältnisse. Daher dürfte dieser Raum für Kongresse, Vorträge, Seminare, Theatervorstellungen und Filmvorführungen völlig ungeeignet sein. Zudem gibt es das Problem, dass die Emporen im Schiff damals durch abenteuerliche Treppenanlagen erschlossen wurden, die den heutigen Brandschutzanforderungen in keiner Weise entsprechen würden.
Weitere Räume sollen durch eine Veränderung des Erschließungssystems im Turm gewonnen werden. Diese Veränderungen will ich mit diesem historischen Grundriss aus dem frühen 19. Jahrhundert illustrieren.
In den kreuzförmig angeordneten Gängen im Turm sollen ein Aufzug und zwei Treppenhäuser eingebaut werden. Allerdings waren diese Gänge nur zwischen 2,70 Meter und 3,20 breit, daher können hier nur sehr schmale Treppen eingebaut werden.
In den bisherigen Treppenhäusern sollen dagegen Räume auf vier Etagen eingebaut werden. Im Westtreppenhaus sollen eine Nagelkreuzkapelle und moderne Konferenz- und Büroräume untergebracht werden. Im Osttreppenhaus sind ein Foyer mit Kasse, Garderobe und Shop geplant, in den oberen Etagen sollen Büros entstehen. Das Problem hier ist, dass diese Räume nur rund 9 Meter lang und rund 5 Meter breit sind. Bei moderner Bestuhlung könnte man hier vielleicht 64 Plätze unterbringen. Für Veranstaltungen und Konferenzen dürfte diese Größe in der Regel zu klein sein. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die oberen Räume nur durch enge Treppenhäuser oder einen Aufzug erreichbar sind. Daher dürfte schon der Anmarsch der Besucher ein Problem werden.
Weiterhin ist der Ausbau des Dachgeschosses über dem Kirchenschiff geplant. Hier sollen Seminar- und kleinere Vortragsräume, Begegnungs- und Werkstatträume und Ausstellungsflächen entstehen. Ein Problem dieser Räume sind die schlechten Lichtverhältnisse. Das Dach der alten Garnisonkirche verfügte nur über sechs kleine Dachgaupen, entsprechend dunkel war es auf dem Dachboden. Ein Ausbau des Dachgeschosses würde daher zu dunklen Räumen führen, ein Teil der Räume dürfte über überhaupt keine Fenster verfügen. Zudem stellt sich hier das Problem der Erschließung in noch größerer Schärfe. Diese Räume werden nur über einen Aufzug und zwei kleine Treppenhäuser erreichbar sein. Angesichts der Höhe von 17 Metern dürften die meisten Besucher mit dem Aufzug fahren wollen, dieser wird dann ständig überlastet sein.
Insgesamt bin ich der Meinung, dass das jetzige Konzept zu einem völlig dysfunktionalen Gebäude führen wird. Ein Problem ist der Mangel an flexibel nutzbaren, modern ausgestatteten Räumen mit 200 bis 500 Plätzen und guten Sichtverhältnissen, wie sie für viele Veranstaltungen benötigt werden. Zudem ist das Erschließungssystem schlicht eine Katastrophe. Durch die Anordnung zahlreicher publikumswirksamer Räume in den oberen Etagen ist eine Überlastung des Aufzuges vorprogrammiert. Der geplante Wiederaufbau der Garnisonkirche ist daher nicht nur aus geschichtspolitischen Gründen, sondern auch aus rein funktionalen Gründen widersinnig.
Daher scheint mir eine Debatte über ein neues bauliches Konzept dringend geboten zu sein.
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Bato